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Zur Sache!

«Zur Sache!»

Viele Sachbücher sind wahre Thriller

Sie packen hochinteressante Themen auf mitreissende Art zwischen zwei Buchdeckel. Die Mitglieder der Redaktion von Books haben einige der interessantesten Sachbuch-Neuerscheinungen herausgepickt. Und empfehlen diese jetzt einander - und erst recht Ihnen.

Verbrecher, Opfer, Heilige

Empfehlung von Marius Leutenegger

Liebe Kollegen

Zu Beginn gehe ich gleich mal in die Vollen: Mit «Verbrecher, Opfer, Heilige» legt uns der Historiker Peter Schuster «Eine Geschichte des Tötens» vor. Der Untertitel stimmt allerdings nicht ganz, denn der Autor beschränkt sich auf einen kleinen Ausschnitt dieser Geschichte ? auf jenen, mit dem er sich besonders gut auskennt: Schuster ist Professor für die Geschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Das Buch behandelt vor allem die Zeit zwischen den Epochen, das 16. Jahrhundert, das von einer besonderen Brutalität und aussergewöhnlich hohen Tötungsziffern geprägt war. Auch geografisch holt Schuster nicht sehr weit aus, er beleuchtet schwergewichtig den deutschsprachigen Raum. Das bekommt dem komplexen Thema aber gut; denn das Töten ist eine so monumentale, endgültige und gravierende Sache, dass man es in seiner Gesamtheit kaum erfassen und sich ihm eigentlich nur über Detailaspekte nähern kann. Zwei Thesen dominieren das Buch. Zum einen: Getötet wurde und wird vor allem hochritualisiert in offiziellem Auftrag. Spontan denkt man beim Begriff Töten vielleicht an Mörder, die hinter dunklen Ecken lauern, in Wahrheit sorgten der Scharfrichter und der Kriegsherr aber fast immer für viel mehr Tote als die Kriminellen. Töten war stets die radikalste Form der Machtausübung. Zum anderen: Staatliches Töten ist seit jeher stark mit Religion verknüpft. «Der religiöse Einfluss beschränkte sich keineswegs auf die Sorge um das Seelenheil der Verurteilten, sondern prägte Gesetzgebung, Ausgestaltung des Hinrichtungsrituals und dessen Legitimierung», hält Schuster fest. Dass Religion und Gewalt noch heute Geschwister sind, zeigt uns der Blick in die Zeitung täglich. Dort begegnen wir nicht nur den abstossenden Praktiken des «Islamischen Staats», sondern zum Beispiel auch der Haltung christwielicher Fundamentalisten in den USA, welche die Todesstrafe so vehement wie widersprüchlich befürworten. Warum sie das tun, ist mir nach der Lektüre dieses interessanten Werks etwas klarer. Aber Achtung: Zuweilen sind die exakten Beschreibungen der Tötungsarten und der Martern, denen Menschen unterzogen wurden, mehr als grausig. Ich empfehle euch dieses Buch trotzdem, weil es uns viel lehrt über den Menschen. Und warum sind wir Journalisten, wenn nicht deshalb, weil uns der Mensch interessiert?

Herzlichst Marius

Zeit

Empfehlung von Erik Brühlmann

Liebe Kollegen

Ich muss sagen: Die Kombination von deinem Buch, Marius, und meinem verleitet zum Kalauern. Phrasen wie «Die Zeit ist abgelaufen», «hat das Zeitliche gesegnet» oder, wenn ihr mir das Englische nachseht, «doing time» leiten von der Geschichte des Tötens doch wunderbar zur «Geschichte» der Zeit. Nie hat man genug von dieser Zeit - ausser, man ist gelangweilt. Dann hat man plötzlich viel zu viel davon. Sie rinnt uns durch die Hände, während wir älter werden, und doch heilt sie Wunden. Ihr seht, die Zeit ist ein Phänomen. Und genau dieses versucht Rüdiger Safranski in seinem Buch «Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen» zu ergründen. Eine wahre Herkules-Aufgabe, die Safranski mit der feinen, präzise geführten Klinge eines Philosophen angeht. Das Schöne dabei ist, dass auch Normalsterbliche, die weder ein Physik- noch ein Philosophiestudium absolviert haben, Safranskis Zeitfaden folgen können. Natürlich muss man den Kopf bei der Sache haben, wenn der Autor darlegt, wie man Zeit intensiv erlebt, wenn man sich langweilt; weshalb der sich bewegende Zeiger nichts anderes ist als der menschliche Versuch, Zeit sichtbar zu machen; wie die Zeit vergesellschaftet und so zum wertvollen Gut wurde. Während man fasziniert Seite um Seite umblättert, merkt man gar nicht, wie die Sekunden verrinnen und es plötzlich Zeit für den Znacht ist. Kurz und gut: Wenn ihr, liebe Kollegen, demnächst ein bisschen Zeit erübrigen könnt, ist dieses Buch auf jeden Fall ein paar Stunden eures Lebens wert.

En Gruess Erik

Der «Genau-So-Ist-Es!»-Effekt

Empfehlung von Marius Leutenegger

Liebe Kollegen

Um mit den unsterblichen Monty Phython zu sprechen: «And now for something completely different» - nach zwei Mal schwerer Kost habe ich jetzt mal reinste Unterhaltung für euch. Ich höre den anspruchsvollen Benjamin schon seufzen angesichts meiner Empfehlung, ABER: Ich bin sicher, auch dir könnte dieses Lölizeugs irgendwie Spass machen. Es handelt sich dabei um Bücher, die momentan ziemlich en vogue sind und in ganz verschiedenen Formen erscheinen. Ihren Witz verdanken sie einem simplen Kniff: Sie zeigen Infografiken zu fiktiven Statistiken - und lösen damit den «Genau-So-Ist-Es!»-Effekt aus. Etwa, wenn es ums Thema Fax geht: Der Balken bei «Wie oft ich ein Fax bekomme» ist klitzeklein, jener bei «Wie oft ich ein Fax sende» immerhin mickrig ? und der Dritte bei «Wie oft ich versehentlich die Faxnummer anrufe» riesig. Stimmt haargenau! Ich weiss noch, wie lang ich versuchte, den Fax meines neuen Superdruckers zu installieren. Und kein Schwein hat mir je etwas gefaxt. Lustig ist auch die Grafik, die deutlich «30 %» zeigt ? und in der Legende darunter steht, genau ein Viertel aller Grafiken enthielte Fehler. Aus dem grossen Angebot solcher Bücher zupfe ich jetzt einmal zwei heraus. «Was wir tun, wenn der Chef reinkommt» der deutschen Bloggerin Katja Berlin (www.graphitti-blog.de) - und «Truth Facts 2» von Mikael Wulff und Anders Morgenthaler. Das erste Büchlein ist lustiger, das zweite schöner. Beide eignen sich zum Blättern während einer kurzen Fahrt im Tram oder beim Warten auf dasselbe. Und beide eignen sich natürlich als Geschenk. Aber keine Angst - ihr kriegt von mir etwas anderes zu Weihnachten, denn die Bücher stehen ja schon bei uns im Büro im Gestell. Zupacken!

Herzlichst Marius

  • 34379083
    34379083
    Verbrecher, Opfer, Heilige
    von Peter Schuster
    Buch (gebundene Ausgabe)
    Fr. 39.90
  • 42473569
    42473569
    Zeit
    von Rüdiger Safranski
    (3)
    Buch (gebundene Ausgabe)
    Fr. 35.90
  • 40981188
    40981188
    Was wir tun, wenn der Chef reinkommt
    von Peter Grünlich
    Buch (Taschenbuch)
    Fr. 14.90

Total alles über die Schweiz

Empfehlung von Benjamin Gygax

Grüezi miteinander

Also Marius, ich bin ja froh, dass die Themen nach deinem happigen Einstieg inzwischen etwas entschärft wurden. Keine Angst, deine «Truth Facts» gefallen mir ausgezeichnet, und deshalb schiebe ich jetzt gleich noch ein Buch mit humorvollen Infografiken nach. Doch bevor ich beginne, werfe ich nur mal so einen Gedanken in die Runde: Wenn ein Sachbuch ein Buch ist, das sachlich über ein Thema informiert, dann wäre «Total alles über die Schweiz» keins. War euch das jetzt zu verdreht? Was ich sagen wollte: In Susann Sitzlers Buch geht es nicht nüchtern sachlich, sondern äusserst vergnügt zur Sache. Ihr fragt mich jetzt vielleicht: «Die ganze Schweiz in einem Buch - und dazu auch noch auf nur gerade 128 Seiten?» Tatsächlich klingt das doch etwas vermessen. Immerhin ist das Statistische Jahrbuch der Schweiz 608 Seiten stark, und alle Telefonbücher des Lands zusammen belegen sicher einen Laufmeter im Regal. Aber bei «Total alles über die Schweiz» geht es ja auch nicht um Vollständigkeit, sondern um das Wesentliche - also die Essenz. Und wie es sich für eine solche gehört, ist sie schön eingekocht, konzentriert und kräftig im Geschmack. Jede Information in diesem bunten Buch ist in witzigen Infografiken so zugespitzt, dass sie sicher hängen bleibt. Was macht also die Schweiz aus? Natürlich ihre Einwohnerschaft. Die Autorin zeigt auf, woher sie kommt, wohin sie geht, wie sie am häufigsten heisst und wer viel oder wenig verdient. Damit man sich in einem Land zurechtfindet, muss man sich aber auch mit den wichtigsten Kraftausdrücken auskennen. Susann Sitzler hat sie verständlich erklärt und fein säuberlich sortiert, von harmlos bis richtig kräftig. Und die Autorin zeigt die Entstehung der Schweiz ebenso verständlich wie die Entstehung eines Gesetzes oder einer knusprigen Rösti. In diesem Buch kann man ausgezeichnet blättern, da oder dort verweilen und über dieses oder jenes schmunzeln. Wer es von vorn bis hinten durchliest, ist tatsächlich ziemlich gut auf Ferien oder das Leben in der Schweiz vorbereitet. Erwartet ihr also mal Besuch aus dem Ausland - mit diesem Buch geht's schnell zur Sache.

Euer Benjamin

Total alles über die Schweiz / The Complete Switzerland

Total alles über die Schweiz / The Complete Switzerland

von Susann Sitzler

Buch / 128 Seiten

Buch (gebundene Ausgabe)
Fr. 31.90

Details zum Artikel

Geschichte des Geldes

Empfehlung von Markus Ganz

Liebe Kollegen

Ihr mögt euch fragen, was ein Buch mit dem Titel «Geschichte des Geldes» euch bringen kann. Marius wusste bestimmt schon vor der Lektüre von «Verbrecher, Opfer, Heilige - Eine Geschichte des Tötens», dass bis heute auch oft wegen Geld getötet wird. Erik kannte sicherlich bereits vor dem Lesen des Buchs «Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen» die Redensart, dass Zeit Geld ist. Und Benjamin musste nicht «Total allesüber die Schweiz» lesen, um über die herausragende Bedeutung des Finanzwesens in unserem Land informiert zu werden. Wir alle benützen in unserem Alltag ganz selbstverständlich Geld. Wir sagen, dass Geld nicht glücklich macht ? und wollen doch stets mehr davon. Denn wir wissen: «Geld regiert die Welt». Aber, Hand aufs Herz, könntet ihr mir konkret sagen, was Geld ist? Um dies beantworten zu können, empfiehlt sich der Blick zurück. Henry Werner ermöglicht uns dies mit seinem Buch «Geschichte des Geldes», dessen Lektüre wohl nicht so vergnüglich wie «Total alles über die Schweiz», aber nicht minder spannend ist. Der Wirtschaftshistoriker erzählt die Entwicklung von den Anfängen bei den Sumerern im 3. Jahrtausend vor Christus über das Geld im Mittelalter bis zu den digitalen Währungen von heute. Gleichzeitig beschreibt er, wie sich dieser Wandel ökonomisch, gesellschaftlich und kulturell ausgewirkt hat. Die Erklärung und Einschätzung von innovativen elektronischen Parallelwährungen wie Bitcoins ist etwas knapp ausgefallen. Erstaunlich ist aber Henry Werners Erkenntnis, dass trotz allen technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen «das heutige körperlose Geld wiederum dem allerersten Geld der Sumerer gleicht». Die Priester und Tempel, die einst als Hüter des Geldes wirkten, sind im Lauf der Zeit weggefallen. Werner: «Zurück ist das Geld als reines Zeichen, ohne physisch in Erscheinung treten zu müssen. Zurück ist das Geld als Mass aller Dinge.»

Mit grosszügigen Grüssen Markus

Planet der Algorithmen

Empfehlung von Jonas Bühler

Hallo zusammen

Ein philosophisches Werk über die Zeit und eine historische Betrachtung über das Geld - man könnte denken, mehr braucht es nicht, um unsere Gesellschaft zu beschreiben. Doch will man sie genau kartografieren und berechnen, kommt man um eines nicht herum: die Mathematik - genauer: die Algorithmen! Keine Angst, Freunde, ich pauke euch jetzt keine komplizierten Formeln oder unverständliche Beweise rein, denn ich hatte in der Mathematik einen Fensterplatz. Trotzdem möchte ich euch «Planet der Algorithmen - Ein Reiseführer» sehr ans Herz legen. Wie der Titel schon andeutet, richtet sich das Buch zum Glück nicht an Universalgenies, sondern viel eher an Mathematik-Touristen. Der Mathematik-Professor Sebastian Stiller erweist sich dabei als rücksichtsvoller Reiseführer. «Planet der Algorithmen» nähert sich in einfachen Schritten den Phänomenen jener uralten Denkweise, der wir nicht nur unsere moderne Technologie zu verdanken haben. Kein einziges Mal kommt in diesem Buch eine mathematische Formel vor. Das ist auch nicht nötig. Algorithmen sind im Grunde nichts anderes als Lösungsansätze für komplexe Probleme oder logische Denksysteme. Schon wer ein Büchergestell einräumt, geht dabei im besseren Fall algorithmisch vor - sonst würden wir in unserem Büchergestell im Büro gar nichts mehr finden. Genau darin liegt die Stärke dieses Buchs: Stiller entführt uns nicht in unerreichbare mathematische Höhen, sondern führt uns anhand von Alltagsbeschreibungen bequem quer durch den Planeten der Algorithmen. Er nimmt uns die Angst vor Maschinen, die selber denken können, und verweist immer wieder auf die Grenzen des mathematisch Möglichen. Für Spezialisten sind die Touren in diesem Reiseführer wohl eine Unterforderung, aber für mich - und wohl für die meisten von uns - bietet er eine äusserst aufschlussreiche Einführung in eine Logik, die unsere Welt genauso prägt wie das Geld oder die Zeit.

Gruss Jonas

Hoffnung

Empfehlung von Marius Leutenegger

Liebe Bücherfreunde

Ich sehe schon, diesmal dreht sich hier alles um die ganz grossen Fragen rund um das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Ich kontere daher mit Leo Bormans; der Philosoph und Journalist aus Belgien ist ein Spezialist für solche Fragen. In den letzten Jahren sorgte er mit zwei Buchprojekten für internationales Aufsehen: Er nahm sich jeweils eines universellen Begriffs an - einmal Glück, einmal Liebe - und bat 100 Wissenschaftler rund um den Globus, ihre Erkenntnisse dazu in einem ultrakurzen und eingängigen Aufsatz zusammenzufassen. Die Textsammlungen geben einen bunten Eindruck davon, was Glück und Liebe in verschiedenen Weltregionen bedeuten und was man konkret darüber weiss. Nun hat Bormans nachgelegt - mit einem Begriff, der auf den ersten Blick etwas weniger gewichtig wirkt: Hoffnung. Tatsächlich aber ist die Hoffnung für uns so fundamental, wie es Liebe und Glück sind. Das merkt man beim Lesen der wie gewohnt prägnanten und leicht verständlichen Texte schnell. Hoffnung ist die Triebfeder von fast allem und prägt unsere Entscheidungen grundlegend, ohne sie gibt es kein lebenswertes Leben. Entsprechend viel - und das war für mich eher überraschend -wird denn auch rund um den Begriff geforscht. Warum sind hoffnungsvolle Menschen erfolgreicher, und wie können Pessimisten sich Hoffnung bis zu einem gewissen Mass antrainieren? Wie verändert Hoffnung die Lebensqualität von Krebskranken? Wie hoffnungsvoll müssen wir Ziele definieren, damit wir langfristig zufrieden bleiben? In diesem Buch geht es also wirklich ums Ganze. Der Begriff «Hoffnung» ist aber eindeutig sperriger und weniger plakativ, als es «Glück» und «Liebe» waren. Dieses interessante Buch voller Sätze, an die man sich später plötzlich wieder erinnern wird, braucht also etwas hoffnungsvollen Anschub - den ich hiermit gegeben hätte!

Herzlichst Marius

  • 42153019
    42153019
    Geschichte des Geldes
    von Henry Werner
    Buch (gebundene Ausgabe)
    Fr. 28.90
  • 42541062
    42541062
    Hoffnung.
    Buch (Taschenbuch)
    Fr. 37.90
  • 42436539
    42436539
    Planet der Algorithmen
    von Sebastian Stiller
    (1)
    Buch (Paperback)
    Fr. 22.90
  • 42473491
    42473491
    Kennen Sie den schon?
    von Jim Holt
    Buch (gebundene Ausgabe)
    Fr. 17.90
  • 31487981
    31487981
    Durch die Nacht
    von Ernst Peter Fischer
    Buch (gebundene Ausgabe)
    Fr. 33.90
  • 42473752
    42473752
    Eine Weltgeschichte in 33 Romanen
    von Markus Gasser
    Buch (gebundene Ausgabe)
    Fr. 28.90

Kennen Sie den schon?

Empfehlung von Benjamin Gygax

Liebe Kollegen

Glück, Liebe, Hoffnung - da sind wir nun bei den grossen Gefühlen angelangt. Ich finde, in diese Familie gehört noch ein anderes, obwohl es sich nicht um ein Geschwister der genannten handelt, sondern eher um eine Art schrägen Onkel. Ich meine den Humor. Da ihr alle einem träfen Spruch oder einem guten Witz nicht abgeneigt seid, werdet ihr sicher euren Spass haben an «Kennen Sie den schon?» von Jim Holt. Der amerikanische Autor und Essayist schrieb seine Abhandlung über die Geschichte und Philosophie des Witzes ursprünglich für die Zeitschrift «New Yorker», jetzt ist sie als 140-seitiges Büchlein erschienen. Ich höre euch bereits einwenden, dass es für den Humor nichts Schlimmeres gibt als eine zerredete Pointe oder einen Witz, den man erklären muss. Oder wie der Cartoonist Saul Steinberg sagte: «Der Versuch, Humor zu definieren, ist eine der Definitionen von Humor.» Aber keine Angst, der Autor ist ein unterhaltsamer Erzähler. Trotzdem steht das Büchlein der «Geschichte des Geldes» in punkto Seriosität in nichts nach. Holt trägt Informationen zur Entwicklung von Witzen und ihrer Deutung zusammen und belegt zum Beispiel, dass «niemand je einen Witz zum ersten Mal erzählt hat», sondern dass sich viele Witze in Varianten bis in die Antike zurückverfolgen lassen. Manches wird mit Beispiel-Witzen verdeutlicht oder klingt selber schon anekdotisch. Zum Beispiel die Lebensbeschreibung von Poggio Bracciolini aus dem Abschnitt über die Geschichte des Witzes. Jener päpstliche Sekretär schrieb 1451 mit seiner deftigen Witzesammlung «Facetiae» einen Bestseller. Auch der Abschnitt über Gershon Legman, einen autodidaktischen Gelehrten des unanständigen Witzes, klingt nach dem Drehbuch für einen Woody-Allen-Film. Dieser machte sich über die «Pisserationen» der «Kakademiker» lustig und fand, dass «Witze der Schlüssel zu den eigenen Neurosen und Zwängen des Witze- Erzählers sind und seine Schuldgefühle darüber verraten». Damit wären wir beim Kapitel über die Philosophie angelangt. Jim Holt schreibt: «Zunächst gilt die Grundregel: Je interessanter x ist, desto langweiliger neigt die Philosophie von x zu sein und umgekehrt.» Sein Beleg dafür: Kunst sei interessant, die Philosophie der Ästhetik dagegen meist langweilig, während Recht langweilig, Rechtsphilosophie dagegen ziemlich interessant sei. Heisst das, die Philosophie des interessanten Witzes sei dröge? Hier widerspricht sich Holt offensichtlich selber - denn er kann der psychologischen und philosophischen Erörterung des Witzes doch viel Interessantes abringen.

Grinsend grüsst Benjamin

Durch die Nacht

Empfehlung von Erik Brühlmann

Liebe Leute

Mit einem ähnlichen Konzept wie meine erste Empfehlung, «Zeit», ist Ernst Peter Fischer mit seinem Buch «Durch die Nacht» unterwegs. Der Wissenschaftspublizist, der bereits für «Focus» und «Die Welt» tätig war, lässt einen wahren Rundumschlag zu den Themen «Nacht» und «Dunkelheit» auf die neugierige Leserschaft los. Das nennt man dann wohl literarisches Powershopping: Man wird durch die Abteilungen des nächtlichen Supermarkts geführt und bekommt seinen Einkaufswagen mit möglichst vielen nächtlichen Aspekten vollgepackt. Klar, dass die dafür zur Verfügung stehenden knapp 250 Seiten hinten und vorn nicht reichen, was Fischer auch ganz offen des Öfteren bedauert ? nach dem Motto: «... könnte man weiterverfolgen, tu ich aber nicht.» Wirklich jeder findet in diesem nächtlichen Sammelsurium etwas von Interesse. Religion, Biologie, Astrologie, Moral, Physik ? alles wird angesprochen. In die Tiefe kann das zwar nicht gehen, aber als Einstieg in die «dunkle Materie» macht das Buch wahrlich keine schlechte Figur. Wer Lust hat auf eine nächtliche Tour de Force, ist mit diesem Buch gut bedient, denn es finden sich viele Wissensperlen, die es wert sind, aufgelesen zu werden.

Liebe Grüsse Erik

Weltgeschichte in 33 Romanen

Empfehlung von Marius Leutenegger

Liebe Lesegenossen

Sodeli - jetzt ist allmählich aber gut mit Sachbüchern. Ich mag diese zwar sehr, aber selbstverständlich geht nichts über die Literatur, die schöne und wahre. Gern baue ich euch daher zum Ende unseres EMail-Austauschs eine Brücke von der Insel der Sachbücher zurück auf den Kontinent der literarischen Werke. Wir alle mögen ja nicht nur Geschichten, sondern auch Geschichte; Erik und Benjamin haben diese sogar studiert. Ein Buch, das beides in geradezu idealer Weise zusammenbringt - Historie und Erzählungen -, ist «Eine Weltgeschichte in 33 Romanen». Herausgeber Markus Gasser hat dafür längere Ausschnitte aus weltberühmten literarischen Werken ausgewählt, die zusammen einen ziemlich guten Eindruck von der Entwicklung der Menschheit vermitteln. Das Buch bietet also exakt das, was sein Titel verspricht. Umberto Eco erzählt aus dem vorchristlichen Jerusalem, Thomas Mann aus dem Ägypten der Pharaonen, Thornton Wilder von Cäsars Rom, Mark Twain von Jeanne d?Arc oder John Le Carré von der Berliner Mauer. Die Ausschnitte sind wirklich klug gewählt ? und das Konzept ermöglicht uns Lesenden, quasi en passant gleich noch ein paar wichtige Autorinnen und Autoren kennenzulernen, von denen man vielleicht noch nie etwas gelesen hat. Und schwupps - sind wir wieder bei der Literatur angekommen. Der wahren und schönen!

Herzlichst Marius

von Stephan Schmitz

Erik Brühlmann, Jonas Bühler, Markus Ganz, Benjamin Gygax und Marius Leutenegger

Books Nr. 4/2015, Das Magazin der Buchhandlungen von Orell Füssli