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Stark, stärker, Frau?

Stark, stärker, Frau

«Wann ist Mann ein Mann?», fragte einst Pop-Troubadour Herbert Grönemeyer. Wir stellen nun anhand einiger Bücher die Gegenfrage: Was macht denn eigentliche eine starke Frau zur starken Frau?

Text: Erik Brühlmann, Lesen Nr. 1/2016, Das Magazin der Buchhandlungen von Orell Füssli

Es ist schon ein Kreuz mit den Geschlechterfragen. Einerseits soll alles möglichst gleich und unterschiedslos sein, andererseits werden gerade Frauen nicht müde, ihre Stärke herauszustreichen, damit sie sich vom Gleichheitsbrei abheben. «Starke Frau» ist ein Modebegriff, fast schon ein Mythos geworden, und zwar einer, der sich kaum greifen oder gar definieren lässt. Gemeint ist ja in der Regel nicht die physische Stärke einer Natalia Trukhina - eine Frau wie ein Berg, die mit 23 Jahren und 92 Kilo Kampfgewicht als stärkste Frau der Welt sagenhafte 240 Kilo stemmen kann. Gemeint ist vielmehr... Ja, was eigentlich? Vielleicht hilft ja ein Blick in die Bücherregale!

Um einen Überblick zu gewinnen, kann ein Blick in das Buch «50 Klassiker Frauen. Die berühmtesten Frauen der Geschichte» für den Anfang bestimmt nicht schaden. Und siehe da: Tatsächlich findet man(n) und frau hier so ziemlich jede Frauengestalt der Geschichte, die einem spontan zum Begriff «starke Frau» in den Sinn kommt: die Benediktinerin Hildegard von Bingen, die Arbeitsrechtlerin Rosa Luxemburg, die französische Nationalheldin Jeanne D?Arc und Maria, Mutter von Jesus. Die Autorinnen Ulrike Braun und Barbara Sichtermann porträtieren aber auch einige weniger bekannte Frauen, die ebenfalls Geschichte machten. Die Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft zum Beispiel, Mutter der Frankenstein- Schöpferin Mary Wollstonecraft Shelley; oder auch die ägyptische Königin Hatschepsut, die unter Ägyptologen als eine der wichtigsten Herrscherfiguren des Neuen Reichs gilt. Etwas seltsam mutet auf den ersten Blick an, dass auch Lucrezia Borgia und die Popsängerin Madonna vertreten sind. Aber erstere war, wie man heute weiss, eben nicht die Giftmischerin, als die sie bekannt wurde, und Madonna war auf ihre zuweilen skurrile Weise ja schon auch eine Vorreiterin für die Sache der Frauen.

Die Frau dahinter

Aber müssen starke Frauen denn immer im Rampenlicht stehen? Immerhin wird es das Sprichwort «Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau» ja nicht umsonst geben. Das dachte sich wohl auch die in Turkmenien geborene Tatjana Kuschtewskaja und verfasste «Am Anfang war die Frau. Die Frauen russischer Genies». In 19 Porträts schildert sie die Schicksale der Frauen, die den berühmten Männern ihren Erfolg manchmal erst ermöglichten - ob sie ihnen nun Muse waren oder Beraterin, Ehefrau oder Sekretärin. Das Buch ist - eine Seltenheit in der Welt der Sachbücher - übrigens der abschliessende Teil einer Trilogie, die starken russischen Frauen gewidmet ist.

Bloody Mary  Maria I. Tudor
Buch (gebundene Ausgabe)
Fr. 31.90
Bloody Mary Maria I. Tudor
von Marita A. Panzer
Wie ich mich sehe
Buch (gebundene Ausgabe)
Fr. 42.90
Wie ich mich sehe
von Frances Borzello

Die blutige Maria

So manche Frau wollte sich mit einem Schattendasein jedoch nicht abfinden. Eine von ihnen, Maria Tudor, hatte halt auch keine sonderlich erfolgreichen Männer, hinter die sie sich hätte stellen können: Ihr Vater, Heinrich VIII., versuchte Zeit seines Lebens verzweifelt, einen Sohn zu zeugen, und wechselte die Ehefrauen wie andere Leute Socken. Und als es dann klappte, musste der arme Edward VI. schon als Neunjähriger den englischen Thron besteigen. Und Maria? Sie kam nach vielen Irrungen und Wirrungen doch noch an die Macht, versuchte prompt, das ganze Land religiös auf katholisch zu drehen und verdiente sich so den Beinamen «die Blutige». Genaueres über das ebenso spannende wie tragische Leben und Sterben von «Bloody Mary» hat nun die Biografie- Spezialistin Marita Panzer in ihrem Buch «Mary Tudor. Bloody Mary - Eine Biografie» zusammengetragen. Ein lesenswertes Stück Frauengeschichte!

Einen völlig anderen, wenn auch in gewisser Weise ebenfalls biografischen Ansatz verfolgt die englische Kunsthistorikerin Frances Borzello. In «Wie ich mich sehe. Frauen im Selbstporträt» untersucht sie die bildlichen Selbstbetrachtungen von rund 200 Künstlerinnen, unter ihnen die Churerin Angelika Kauffmann, die Surrealistin Frida Kahlo, die Expressionistin Paula Modersohn-Becker und die Künstlerin und Fotografin Cindy Sherman. Die Bandbreite an Porträtthemen ist dabei überraschend gross - so gross, dass klar ist: Bei den gemalten Autobiografien handelt es sich um eine eigene Kunstgattung, und Selbstporträts von Frauen unterscheiden sich markant von denen ihrer männlichen Künstlerkollegen.

Die Rebellin
Buch (gebundene Ausgabe)
Fr. 37.90
Die Rebellin
von Ursula Hauser

Frauen unterwegs

Das 18. und 19. Jahrhundert war die grosse Zeit der Entdecker. Humboldt legte die Grundlagen moderner Geografie, Charles Darwin erforschte Finken auf den Galapagos-Inseln - und die Frau von Welt übernahm in den besseren Kreisen zu Hause repräsentative Aufgaben. Aber auch hier bestätigen einige Ausnahmen die Regel. Und von zehn dieser reisenden Frauen erzählt «Uns gehört die Welt. Schreibende Frauen erobern die Fremde» von Armin Strohmeyr. Mit Feder und Tinte im Gepäck bereisten die Frauen die Welt und berichteten davon, auch wenn viele Berichte und Tagebücher immer noch wenig bekannt sind. Wer weiss denn schon, dass die erste finanziell unabhängige Schriftstellerin Deutschlands, Sophie von La Roche, sich in einer Sänfte den Montblanc hinauftragen liess; oder dass Malwida von Meysenburg vor dem preussischen Geheimdienst - was für eine abenteuerliche Reise! - nach London floh?

Dem Frieden hinterher Starke Frauen unternehmen natürlich auch noch heute abenteuerliche Reisen. So zum Beispiel die 1946 in Kilchberg am Zürichsee geborene Ursula Hauser. 1967 begann ihre immer noch andauernde Reise durch Rotkreuzlager, nach Amerika zu Anti-Vietnam-Protesten oder auch nach Nicaragua, wo sie den Revolutionär und Weggefährten Che Guevaras, Antonio Grieco, kennen und lieben lernte. Die Psychoanalytikerin folgt auch heute noch den Brennpunkten der Welt, sei es in El Salvador oder im Gazastreifen, und versucht, die Welt ein klein wenig besser zu machen. Was genau sie alles erlebte, erzählt sie in ihrer Biografie «Die Rebellin. Ein Leben für Frieden und Gerechtigkeit». Stark!

Wie geht Karriere?
von Barbara Lukesch

Die Zeit des Umbruchs

Vielleicht sind die stärksten Frauen aber einfach jene, die sind, wie sie nun mal sind; die ohne Ruhm oder grosses Gedöns daheim in Würde alt werden und dabei Freude am Leben haben? Diesen Eindruck gewinnt man zumindest beim Lesen von «Willkommen im Klub - Älterwerden für Anfängerinnen» von Silvia Aeschbach. Mit 55 Jahren ist die Journalistin und Schriftstellerin das, was die Werbebranche liebevoll eine «reife Frau» nennt. Was so wohlwollend klingt, ist für Aeschbach jedoch alles andere als eine Wohlfühloase. Vielmehr ist es eine Zeit des Umbruchs, in dem frau nicht mehr jung, heute aber auch nicht mehr alt ist. Wie sie diese durchaus turbulente Lebensphase erlebt, beschreibt Aeschbach in einfühlsamen Texten. Dazu präsentiert das Buch die Porträts von 13 Frauen zwischen Anfang 40 und Anfang 70: eine Aussensicht sozusagen, die zeigt, auf wie viele verschiedene Arten Frauen mit dem Älterwerden umgehen können - wenn sie denn mutig und stark genug sind, das Leben noch einmal anzupacken und, wenn nötig, da und dort in neue Bahnen zu lenken.

Um ehrlich zu sein: Trotz aller Literatur lässt sich der Begriff der «starken Frau» letztlich doch nicht eindeutig klären. Sicher ist jedenfalls: Ein starke Frau setzt sich auch in der Männerwelt durch. Wie das im Berufsleben funktioniert, beschreibt Barbara Lukesch in ihrem Buch «Wie geht Karriere? Strategien schlauer Frauen». Anhand von 17 Porträts erfolgreicher Frauen - von der Juristin Tilla Caveng über Chefärztin Brida von Castelberg bis zur Kommunikationsfachfrau Beatrice Tschanz - zeigt die Autorin, was es braucht, um die Karriereleiter zu erklimmen. Das ist neben einer gesunden Portion Härte auch der Mut, die weichen Seiten zuzulassen und auch einmal Hilfe zu suchen und anzunehmen.