«Dieser Roman ist ein Wagnis»

Interwiew mit Rolf Lappert

Die Leserinnen und Leser von Rolf Lappert brauchen Geduld: Der Zofinger veröffentlicht nur alle paar Jahre ein Buch. Jetzt ist sein neuester Roman erschienen. «Über den Winter» erzählt die Geschichte eines Manns in der Krise. Das Warten auf das stimmungsvolle Werk hat sich gelohnt.

Books: Rolf Lappert, wie geht es Ihnen in Ihrer jetzigen Lebensphase?

Rolf Lappert: «Nicht schlecht. Ich bin zum ersten Mal zur Ruhe gekommen, auch im geografischen Sinn: Erstmals bin ich an einem Ort, an dem ich wohl lange bleiben werde. Bist jetzt waren meine Aufenthalte stets befristet. Als ich zum Beispiel nach Irland zog, wusste ich, da bleibe ich etwa zehn Jahre - es wurden elf. Jetzt habe ich in Zofingen, wo ich aufgewachsen bin, ein Haus gebaut, und ich habe das Gefühl, angekommen zu sein. Mein Reisedrang ist immer noch da, aber nicht mehr so stark wie früher.»

Ich frage Sie nach Ihrem Wohlbefinden, weil der Protagonist Ihres neuen Romans «Über den Winter» etwa in Ihrem Alter ist - und Sie ihn als Mann in einer Lebenskrise beschreiben. Der Künstler Lennard Salm arbeitet einsam auf einer Insel an einem Projekt, als er nach Hause gerufen wird, weil seine Schwester gestorben ist. Zurück im winterlichen Hamburg wird er mit den Geistern der Vergangenheit und dem Zerfall um ihn herum konfrontiert. Ohne berufliche Alternative schmeisst er seine Künstlerkarriere hin, und eine sich anbahnende Liebesgeschichte löst sich in Luft aus. Lennard Salm befindet sich noch nicht im Herbst seines Lebens, aber in einem atmosphärischen Winter. Empfinden Sie die Lebensmitte selber als eine schwierige Zeit?

«Dieses Alter ist für Männer tatsächlich anspruchsvoll. Man muss sich verabschieden vom Selbstbild des starken, virilen Kämpfers, der ständig neuen Herausforderungen nachhechelt - und entwickelt sich zum eher ruhigen und geerdeten Mann.»

Das klingt eigentlich nicht schwierig, sondern eher angenehm ...

«Schön ist, wenn man die unabwendbaren Veränderungen akzeptieren kann. Viele wollen sich aber nicht damit abfinden, dass jene Zeit vorbei ist, in der sie dem beruflichen Erfolg nachjagen oder Frauen erobern konnten.»

Wie ist das bei Ihnen?

«Mir geht es zum Glück gesundheitlich gut. Ich fühle mich nicht wie bald 60. Aber manchmal bekomme ich die Grenzen doch aufgezeigt. An den Solothurner Literaturtagen trug die Schriftsteller-Nationalmannschaft, der ich angehöre, ein Fussballspiel gegen einen Regionalclub aus. Ich wollte es noch einmal wissen, musste nach zehn Minuten aber einsehen: Es geht nicht mehr, die alte Verletzung am Sprunggelenk behindert zu sehr. Das tat weh: dass ich die Fussballschuhe jetzt für immer an den Nagel hängen muss und den Spielen höchstens noch als Zuschauer beiwohnen kann.»

Gibt es auch Gutes an dieser Lebensphase?

«Für mich auf jeden Fall. Ich gehe um einiges gelassener durchs Leben als früher.»

Über den Winter

Über den Winter

von Rolf Lappert

Roman / 382 Seiten

Wie viel von Rolf Lappert steckt denn in Lennard Salm? Eigentlich sah ich die ganze Zeit Sie vor mir, als ich Ihr neues Buch las.

«Grundsätzlich steckt in jeder Figur etwas von ihrem Schöpfer oder ihrer Schöpferin ? auch wenn es sich um ein siebenjähriges Mädchen oder um einen achtzigjährigen Mann handelt. Natürlich liegt mir Salm nahe, vom Alter her, vom künstlerischen Beruf her, er reist wie ich viel herum. Aber es gibt auch wichtige Unterschiede. Salm hat zum Beispiel den Kontakt zur Familie fast ganz verloren. Das war bei mir nie der Fall, ich habe eine starke Bindung zu meiner Familie und die Beziehung zu ihr immer gepflegt.»

Warum haben Sie eine alles in allem eher bedrückende Lebensphase als literarischen Stoff gewählt? Wie sind Sie darauf gekommen, «Über den Winter» zu schreiben?

«Das Buch transportiert eine Stimmung, die ich wahrnehme, wenn ich mit offenen Augen in der Schweiz oder in Deutschland unterwegs bin. Es gibt eine noch nicht so offensichtliche Verwahrlosung: Viele Leute - vor allem ältere - rutschen in Armut ab. An der Oberfläche ist noch alles in Ordnung, in den Fussgängerzonen konsumieren nach wie vor Tausende, aber immer mehr Menschen fallen durchs soziale Raster. Gerade in Deutschland. Wir sind nahe an einem Abgrund, und vieles wird nur noch überspielt. Mir brannte es unter den Nägeln, dieses Thema anzugehen. Ich wollte die Atmosphäre und Stimmung, die ich wahrnehme, in eine Geschichte packen. Ich erzähle jetzt von einer Familie, weil sich damit immer viel über den Zustand der Gesellschaft aufzeigen lässt.»

Eine richtige Geschichte, die auf ein Ende hinzielt, gibt es in «Über den Winter» ja eigentlich nicht ...

«Wir begleiten Lennard Salm, wie er in die Stadt zurückkehrt, in der er früher lebte. Er macht viele Begegnungen, wie man sie ja auch selber hat: Die meisten davon verlaufen im Sand, nur aus wenigen entwickelt sich etwas. Ich würde sagen, in «Über den Winter» mäandern wir mit Lennard Salm durch ein kaltes, ungemütliches Hamburg, in dem manchmal auch so etwas wie Wärme, Hoffnung und Solidarität aufblitzt.»

Das Buch hat mich fasziniert; der Stimmung konnte ich mich nicht entziehen. Trotzdem: Ist es nicht riskant, so stark auf die Atmosphäre zu setzen?

«Tatsächlich war ich beim Schreiben dieses Buchs unsicher, wie es ankommt. Und auch als es fertig war, fragte ich mich: Wird es in seinem unspektakulären Wesen jemandem etwas sagen? Ich glaube, dass es sehr darauf ankommt, ob man sich auf die eher düstere Stimmung einlässt oder nicht. Ich würde mich aus dem Fenster lehnen, wenn ich sagen würde: Das ist mein persönlichster Roman. Aber er ist sicher ein persönliches Wagnis. Stilistisch hoffe ich, dass ich noch einmal einen Schritt vorwärts gemacht habe ... aber das erhofft man sich ja eigentlich bei jedem neuen Buch.»

Wie stark interessieren Sie denn überhaupt die Bedürfnisse Ihrer Leserschaft während des Schreibens? Wie sehr denken Sie daran, ob ein Buch ankommen wird?

«Gar nicht. Mit dem Leser im Hinterkopf hätte ich noch einmal etwas im Stil von «Nach Hause schwimmen» schreiben müssen. Ich verstehe, warum die Leute dieses Buch mochten - das ist eine reiche Geschichte mit vielen Figuren, Emotionen und Nebenschauplätzen. Ich wollte jetzt aber etwas anderes machen. «Über den Winter» ist ein Buch für geübte Leserinnen und Leser, ein Roman für Leute, die sich mit Literatur auseinandersetzen. Stil und Sprache sind sehr wichtig, und man muss sich auf den Text einlassen. Wäre dieses Buch Musik, würde ich sagen: Das ist kein Easy Listening. Man muss sich Zeit nehmen dafür und sich mit der Tatsache anfreunden, dass der Text nicht gerade heiter ist.»

Das alles klingt nicht sehr trendy ...

«Ich bin wirklich gespannt darauf, wie das Buch ankommt. Alle, die es bis jetzt lasen, waren begeistert - aber das waren Profileser, die Leute im Verlag zum Beispiel oder Buchhändler.»

Wie Sie schon erwähnt haben, ist «Über den Winter» vor allem ein Roman über eine Familie. Welche Bedeutung hat Familie für Sie?

«Für mich ist ein guter Kontakt zu meinen Eltern und meinem Bruder das Wichtigste im Leben. Ich kenne Leute, die sind mit den Eltern völlig zerstritten oder haben diese früh verloren - das muss furchtbar sein. Ich habe ganz tolle Eltern, mit denen ich gern Zeit verbringe. Als meine Eltern in Frankreich lebten ? sie wohnten nach der Pensionierung etwa 20 Jahre lang in den Vogesen ?, verbrachte ich die Sommerferien immer bei ihnen, zusammen mit den Kindern meines Bruders. Diese Wochen gehören zu den schönsten meines Lebens.»

Selber haben Sie aber keine Kinder.

«Ich habe kein Vater-Gen. Dieses ging offenbar voll und ganz an meinen Bruder, der früh heiratete und drei Kinder hat. Mir war es nie wichtig, Nachwuchs zu zeugen. Ich war ja auch ständig unterwegs und hatte keine längere Ruhephasen, während denen ich eine ernsthafte Beziehung hätte aufbauen können. Und als ich einmal eine ruhigere Phase hatte, ging die Sache aus anderen Gründen schief.»

Aber Sie scheinen doch ein Beziehungsmensch zu sein.

«Vielleicht bin ich das in einem etwas egoistischen Sinn: Wenn ich für drei Wochen nach Frankreich ging, konnte ich das selber bestimmen. Ich wollte nie jene Verantwortung eingehen, die mein Bruder gern übernommen hat. Ich traute mir auch nie zu, eine Familie durchzubringen. Seit Mitte 20 lebe ich vom Schreiben, und zu Beginn lief es für mich mehr schlecht als recht. Ich arbeitete auch ab und zu in einer Fabrik oder auf dem Bau und ging dann mit dem verdienten Geld nach Asien, wo ich ein paar Monate lang billig leben und an einem neuen Buch schreiben konnte. Mit einer Familie hätte ich sesshaft werden müssen.»

Die Mutter von Lennard Salm erinnert ein wenig an die böse Stiefmutter aus dem Märchen. Besteht nicht die Gefahr, dass real existierende Personen aus Ihrem Leben «Über den Winter» persönlich nehmen?

«Ich habe zum Glück keine böse Mutter, das ist frei erfunden. Im Gegenteil: Meine Mutter ist der sanfteste, freundlichste Mensch, den man sich denken kann. Sie weiss schon, dass das kein Porträt von ihr ist.»

von Marius Leutenegger

Books Nr. 4/2015, Das Magazin der Buchhandlungen von Orell Füssli