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Mein Bruder ist nicht mehr. Ich könnte auch sagen,von ihm ist nur noch eine Schachtel Asche übriggeblieben, doch jetzt ist auch diese Schachtel leer.
Der Postbote, ein pickliger junger Mann in purpurroter Uniform, hat sie heute morgen gebracht; am zwölften Dezember zweitausend. Es war ein Dienstag.
Ich wollte gerade zur Arbeit fahren. Meine Frau schlief noch. Der junge Mann legte die Sendung unmittelbar auf die Schwelle, als wollte er damit andeuten, daß ich sie erst dann in Besitz nehmen dürfe, wenn ich den absurd kleinen Raum, der auf dem Formular dem Empfänger zur Verfügung stand, ausgefüllt hätte. Eigentlich kriege ich nie Pakete. (Bücher, Rechnungen und Werbeprospekte der Pizzeria Corleone: das ja. Pakete nie.) Meine Frau hingegen mindestens zwei- oder dreimal die Woche. Normalerweise wacht sie nicht einmal auf, wenn es klingelt. Manchmal lacht sie nur über das Klingeln, im Schlaf. Die Päckchen kommen aus allen Ecken des Kontinents, und ich nehme sie brav, aber nicht ganz neidlos in Empfang. Sie enthalten meistens Pulver, aus denen sich Glasuren brennen lassen und die Namen tragen wie »Abendschatten«, »Shino staubtrocken«, »Kraquelee-Shino«, »Karamell«, »In dian Summer«, »Altes Kupfer«, »Eisenerde« und dergleichen. Manchmal finden sich in diesen Paketen auch sorgfältig gestapelte Säckchen mit schwarzem Lehm oder Terrakotta oder auch hin und wieder dieser Katalysator einer jeden alchimistischen Versuchsreihe, getrockneter Pferdemist aus Arizona als Granulat. Meine Frau ist eine erfolgreiche Kunsttöpferin. Ich hingegen könnte bis heute keinen Aufsatz schreiben zum Thema: »Was ich einmal werden will«. Unterdessen arbeite ich als höherer technischer Berater in einer Firma, die Bildungssoftware für Medizinstudenten entwickelt. Nichts Außerordentliches; und doch bringt dieser Beruf Geld, mit dem es sich in einer kleinen kanadischen Provinzstadt, deren Namen Sie sicherlich noch nie gehört haben, ganz angenehm leben läßt. (So angenehm, daß ich mir Abendkurse in Geschichte und Kalligraphie sowie Gitarrenunterricht leisten kann, aber auch, daß man mich alle Jahre wieder aus dem einen oder anderen Schreibworkshop rausschmeißt. Hauptursache dafür sind »unmotivierte lyrische Ergüsse«; und etwas seltener »die vergebliche Suche nach dem Geheimnisvollen im Empirischen«.)
Auf dem Formular stand diesmal mein Name. Ungeduldig unterschrieb ich. Der junge Mann wünschte mir einen guten Tag und stapfte zurück zum Lieferwagen, den er vor dem Haus geparkt hatte. Den Motor hatte er laufen lassen, es war Winter. Dem Knirschen des Schnees unter den Sohlen seiner Stiefel nach zu urteilen, durfte es fünfzehn oder zwanzig Grad unter Null sein. Hier ist, dachte ich, immer Winter. Ich nahm das Päckchen und machte die Tür zu. Unsere Hündin Phoebe – den Namen hat ihr meine Frau gegeben, sozusagen als Hommage an Salinger, ihren Lieblingsautor – strich aufgeregt um meine Beine, als ich den Pappkarton und das extrastarke Klebeband zerriß, womit das Päckchen an den Ecken verstärkt war. Die Sendung bestand aus einer Metallschachtel und einem Umschlag ohne Aufschrift, den ich aber erst später entdeckte. Eine Schachtel in der Schachtel, dachte ich, sehr originell. Wenn ich darin eine noch kleinere Schachtel finde, sagte ich zum Hund, wird jemand dafür geradestehen. Ich öffnete die Schachtel und spähte hinein. Und als ich die Asche erblickte, machte ich die – so würde ich heute sagen – Urne vorsichtig wieder zu,
Aus dem Serbischen von Patrik Alac
(c) der deutschsprachigen Ausgabe SchirmerGraf Verlag München, 2007
Ein virtuoser Roman über einen Tag im Leben eines serbisch-kanadischen Wissenschaftlers: An einem Wintertag, der damit beginnt, daß per Post die Asche seines Bruders eintrifft, gerät der Erzähler in einen Strudel der Erinnerungen an eine Jugend zwischen Punkrock, Ping pong und dem sich abzeichnenden Postjugoslawien.
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