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Ein schöner Rücken kann auch entzücken

Ein schöner Rücken kann auch entzücken

Lesen macht sich auf die Suche nach dem schönen Buch – und findet wahre Schönheit längst nicht nur bei grossen Fotobänden. Kommt sie auch bei Büchern von innen?

Text: Marius Leutenegge, Lesen Nr. 1/2016, Das Magazin der Buchhandlungen von Orell Füssli

Seit einigen Jahren sind eBooks auf dem Vormarsch, denn sie sind preiswert und praktisch. Interessante Textstellen lassen sich markieren und mit Volltextsuche schnell wiederfinden. Und mit dem Tolino Vision von Orell Füssli Thalia haben Leseratten immer und überall bis zu 2000 Bücher dabei. Diese elektronische Bibliothek braucht bis zu sieben Wochen lang keine Steckdose, wiegt gerade einmal 174 Gramm und verbraucht keinen Platz.

Doch trotz dieser enormen Vorteile kann sich das Buch behaupten. Es scheint eigene, einzigartige Qualitäten zu besitzen - und die müssen offensichtlich in seiner physischen Erscheinungsform liegen. Für die einen sind Bücher zwar nur ein Mittel zum Zweck: Ob Roman oder Sachbuch, ein Paperback tut es. Andere haben dagegen eine geradezu erotische Beziehung zu Büchern. Sie freuen sich am Geruch des Papiers und am Gefühl des Leineneinbands, obwohl Bücher heute keine kunstvoll hergestellten Kostbarkeiten mehr sind wie im Mittelalter, sondern industriell gefertigte Massenprodukte. Was macht das Buch zu einem geliebten Objekt, das man jahrzehntelang behält und im Wohnzimmer aufbewahrt? Warum finden wir ein Buch schön? Umberto Eco schreibt: «Das Buch ist wie der Löffel, der Hammer, das Rad oder die Schere: Sind diese Dinge erst einmal erfunden, lässt sich Besseres nicht mehr machen.» Ist es dieses Klare, Funktionale, das Bücher schön macht?

69 Hotelzimmer

Ein Roman für alle:

  • die schon einmal in einem Hotelzimmer übernachtet haben,
  • die noch zehn Minuten haben, bis das Boarding ihres Anschlussfluges beginnt,
  • die unter den 496 Sendern ihres Fernsehers keinen finden, den sie sehen wollen,
  • die gerne Fortsetzungsromane in Tageszeitungen und/oder ihre Lieblingsbücher immer wieder lesen,
  • Zimmermädchen, die alles über Menschen in Hotels wissen,
  • Taxifahrer, die Reisende des Alltags sind und viele Pausen haben, von denen sie nie wissen, wie lange sie dauern werden.

Michael Glawoggers Roman handelt von einem "er", der gerne reist und dabei um die ganze Welt kommt. Es sind beobachtungsscharf erzählte Episoden aus dem Leben eines neugierigen Mannes, der in den sich doch immer mehr ähnelnden Hotels rund um den Globus absteigt und dabei den verschiedensten Menschen begegnet. "Warum gerade 69 Geschichten?", fragte sie. "Weil es eine schöne Zahl ist", antwortete er. "Und weil in Verwechslungskomödien aus 69 oft 66 oder 99 wird, wenn sich beim Zuschlagen der Tür eine Ziffer dreht, oder auch 96, wenn sich beide drehen." Und natürlich: wie in Hotels die Nummer 13 oft ausgespart wird, so bleibt auch die 13. Geschichte unerzählt.

Die schönsten Bücher

Nicht immer erhalten schöne Bücher so viel Aufmerksamkeit, wie sie dem oben beschriebenen zuteil wird. Um ihnen dennoch Ehre zu erweisen, zeichnet das Bundesamt für Kultur immer Ende Januar «Die schönsten Schweizer Bücher» aus. Die Gewinner 2015 findet man unter www.swissdesignawards.ch. In Deutschland zeichnet die Stiftung Buchkunst, die unter anderem vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels getragen wird, jeweils im September besondere Bücher aus. In der Kategorie «Allgemeine Literatur» wurde der begehrte Preis Michael Glawoggers «69 Hotelzimmer» zugesprochen. Es ist der posthum erschienene Debütroman des österreichischen Filmemachers. Das Buch erzählt Geschichten aus dem Leben eines «Ers», der um die Welt reist und in Hotels Menschen begegnet. 68 Episoden sind es, denn so wie in Hotels manchmal das Zimmer 13 ausgelassen wird, so gibt es auch keine Episode 13. Das Buch im Kartonschuber fängt die Neonlicht-Atmosphäre von Hotels stilvoll ein.

Meine Reise nach Rom

Das Reisejournal des grossen französischen Romanciers Émile Zola (1840-1902) aus dem Jahr 1894 ist eine brillante historisch-politische Momentaufnahme von hellwacher Intellektualität und präziser Beobachtungsgabe. Die uralte Stadt der Päpste soll sich in eine moderne europäische Hauptstadt verwandeln: Diese gewaltige Metamorphose beobachtet Zola in allen Details und lässt sich dabei immer wieder von der Schönheit römischer Szenen und Panoramen überwältigen.

Mit Zola nach Rom

Und gleich ein weiteres Buch übers Reisen schaffte es in die Liste der Stiftung Buchkunst: «Meine Reise nach Rom», das Journal des grossen französischen Romanciers Émile Zola aus dem Jahr 1894. Er beobachtet und beschreibt geistreich, wie sich Rom von der uralten Stadt der Päpste zur modernen Metropole wandelt. Während eines sechswöchigen Aufenthalts sammelte der Autor Eindrücke, Stimmungsbilder, Gesprächsnotizen, Eindrücke und Ortsbeschreibungen für ein Buch. Im Innern des handlichen Büchleins findet man auch einen Stadtplan aus der Zeit Zolas.