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Der Kommissar geht um

Der Krimi ist ein äusserst vielfältiges Genre - und auch die Palette der Hauptfiguren wird immer bunter. Heute betätigen sich Romanfiguren aller Alters- und Berufsgruppen, Schichten und Begabungen als Spürnasen. Doch der Kommissar ist aus der Welt der literarischen Verbrechen nicht wegzudenken. In unserem Spezial stellen wir Neuerscheinungen vor, bei denen klassische Ermittler im Zentrum stehen. Allerdings: So traditionell, wie man meinen könnte, sind die Kommissare gar nicht.

Kommissar Maigret, Wachtmeister Studer, Kommissar Wallander

Wann immer es ein Verbrechen zu lösen gilt, sind die professionellen Gesetzeshüter und -hüterinnen zur Stelle. Doch aufgepasst: Die Tradition des traditionellen Kommissars ist gar nicht so alt. Am Anfang des Kriminalromans stand der Amateurdetektiv. Der erste echte Ermittler der Literatur, da sind sich die Experten einig, hiess C. Auguste Dupin und entstammt der Feder von Edgar Allan Poe. Dupin klärte 1841 den «Doppelmord in der Rue Morgue» auf und durfte anschliessend noch zwei weitere Fälle lösen. Und auch im ersten anerkannten Kriminalroman - «Das Mysterium von Notting Hill» von 1865 - war kein Cop am Werk: Autor Charles Warren Adams liess den investigativen Mitarbeiter einer Lebensversicherungsgesellschaft das kriminelle Rätsel lösen.

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Wo sind die Cops?

Überhaupt fällt auf: Viele der Ermittler, die einem beim Thema «klassischer Krimi» spontan in den Sinn kommen, sind keine eigentlichen Gesetzeshüter. Sherlock Holmes? Hercule Poirot? Charlie Chan? Sam Spade? Miss Marple? Detektive, allesamt, Miss Marple sogar nur eine Amateurin! Fast scheint es, als hätten die frühen Krimi-Autoren den offiziellen Polizeikräften nicht allzu viel zugetraut. Aber auch dieser Eindruck täuscht. In der goldenen Krimi-Ära zwischen den beiden Weltkriegen waren vor allem britische Autorinnen und Autoren führend. Das Publikum gierte geradezu nach Fällen, die in den feineren Schichten der Gesellschaft spielten. Dem gemeinen Polizisten, der eher den unteren Schichten entstammte, wollte man die Aufklärung jedoch lieber nicht anvertrauen. Also taten Krimiautoren einfach einen Kunstgriff und schufen mit ihren Detektiven und ähnlichen Figuren die Verbindung zwischen sozialer Oberschicht und dem Gesetz.

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Zwischen Ermittlungen und blauen Bohnen

So gesehen ist es kein Zufall, dass einer der ersten und der wohl bis heute bekannteste und beliebteste echte polizeiliche Krimi-Ermittler kein Brite, sondern ein Franzose ist: Kommissar Jules Maigret aus der Feder des Belgiers Georges Simenon. Auch die Schweiz brachte mit Friedrich Glausers Wachtmeister Studer in den 1930er-Jahren einen Gesetzeshüter hervor, an den man sich nach wie vor gern erinnert. Jenseits des grossen Teichs ergriff derweil die amerikanische Cowboy-Mentalität auch die Krimiszene. Sie brachte die hardboiled detectives vom Schlage eines Philipp Marlowe von Raymond Chandler oder Mike Hammer von Mickey Spillane hervor - echte Kerle, die als Detektive zwar auf der Seite des Gesetzes standen, aber mit den Gesetzeshütern auch immer wieder Konflikte ausfochten. Dass die Knarren bei diesen Herren locker sassen, versteht sich von selbst.

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Die Polizei ist da!

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden polizeiliche Ermittler aller Art für Krimi-Autoren interessant. Zum einen waren vor sich hin philosophierende Detektive wie Holmes und schrullige Spürnasen wie Miss Marple einfach nicht mehr zeitgemäss; zum anderen entwickelte sich die «echte» Polizeiarbeit dermassen rasant, dass sie Krimi-Autorinnen und -Autoren ein Füllhorn an Inspiration boten. Der amerikanische Ex-Anwalt Lawrence Treat gilt als einer der ersten, der polizeiliche Ermittlerarbeit recherchierte und in seinen Romanen umsetzte. Realismus wurde zum Motto des Genres, auch in Bezug auf die Ermittler, die jetzt keinen gesellschaftlichen Konventionen mehr entsprechen oder etwas entrückt und souverän über den Dingen stehen mussten. Sie durften sogar, wie zum Beispiel Henning Mankells Kommissar Kurt Wallander, ganz menschliche Probleme und Schwächen haben, solange sie nur den Fall lösten. Gesetzeshüter waren gefragt, denn sie hatten ja jetzt auch Zugriff auf ganze Legionen von Spezialisten und die neuesten technischen Gadgets. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Denn seien wir ehrlich: Der natürliche Feind des Verbrechers ist nun einmal der Polizist, egal ob es sich um Inspector John Rebus (Ian Rankin), Commissario Guido Brunetti (Donna Leon), Hauptkommissar Harry Hole (Jo Nesbø) oder Inspektorin Lindsay Boxer (James Patterson) handelt. Auf den nächsten Seiten stellen wir Ihnen eine ganze Reihe von Neuerscheinungen rund um Kommissarinnen und Kommissare vor.

von Erik Brühlmann

Books Nr. 3/2015, Das Magazin der Buchhandlungen von Orell Füssli