17.06.2013
„Eine große Liebe mit einer schweren Vergangenheit”
Was geschehen ist, ist geschehen, ausgeübt von einem Kulturvolk. Und dass es geschehen ist, bedeutet, dass es wieder geschehen kann. Menschen, und zwar kultivierte, kluge Menschen, sind zu Taten fähig, die wir ihnen nicht zugetraut haben. Und wo es irgendein Anzeichen, einen Hauch davon wieder geben könnte, müssen wir eingreifen. Unsere gottverdammte Pflicht nach Auschwitz ist, das niemals zu vergessen. Es bleibt ein ewiges Thema. Ich glaube nicht, dass wir aufhören sollten, uns damit zu beschäftigen. Dies ist der letzte Satz aus dem Nachwort zu dem Roman Der Schrecken verliert sich vor Ort von Monika Held, den Margarete Mitscherlich im Mai 2012 geschrieben hat. Und ich finde, damit hat sie vollkommen Recht, und deshalb möchte ich Ihnen dieses in seinem Grauen doch so wunderschöne Buch an Herz legen.
Monika Held ist eine 1943 geborene Autorin und Journalistin, die sehr engagierte Sachbücher und Romane verfasst. Ihr aktueller Roman verbindet eine ungewöhnliche Liebesgeschichte mit einer Reise in die Vergangenheit.
Monika Held erzählt von den drei Leben des Heiner und von seiner schwierigen Liebe zu Lena. Das erste Leben von Heiner dauerte 22 Jahre. Er wurde in Wien geboren und wuchs behütet auf. Sein Vater war ein radikaler Sozialdemokrat und Staatsbeamter im Roten Wien und hat ihn schon früh auf die politischen Umstände aufmerksam gemacht und damit dafür gesorgt, dass Heiner sich den Sozialisten in Wien angeschlossen hat. Mit 22 Jahren verhaften die Nationalsozialisten ihn und stecken ihn in das KZ Auschwitz. Hier beginnt sein zweites Leben, das immer noch anhält. Sein drittes Leben begann nach Ausschwitz. Doch diese Geschichte wird nicht chronologisch erzählt, sondern es werden immer mal wieder einzelne Facetten davon in die eigentliche Geschichte von Heiner und Lena eingebunden. Lena lernt Heiner 1965 in Frankfurt bei dem Auschwitz-Prozess kennen. Sie ist eine junge Dolmetscherin, die aus dem polnischen übersetzt und Heiner ein Zeuge. Als Heiner fast zusammenklappt, hilft sie ihm. Daraus entwickelt sich dann nach und nach erst ein Gespräch, dann eine Freundschaft und schließlich Liebe, die in einer Heirat mündet.
Die Geschichte wechselt zwischen Erinnerungen von Heiner aus seinem ersten und zweiten Leben in die Gegenwart. Es wird sehr sensibel in kurzen, prägnanten Sätzen die Schwierigkeit dieser Liebe erzählt. Wie geht eine Frau, die zehn Jahre jünger als ihr Mann ist und die schwierige Zeit des Nationalsozialismus unbeschwert in der Schweiz überlebt hat, mit den Erinnerungen ihres Mannes um. Sollte Heiner die Vergangenheit endlich ruhen lassen, oder muss Lena lernen, damit zu leben, auch wenn sie es nie wirklich nachempfinden kann. Als Heiner und Lena 1981 nach Polen aufbrechen, um den Menschen, die sich gegen das Kriegsrecht des Staates auflehnen und für die Rechte der Gewerkschaft Solidarnosc kämpfen, lernt sie ehemalige Mithäftlinge von ihm kennen. Dadurch versteht sie ihn langsam immer besser.
Ein unglaublicher Roman, der mir noch sehr lange im Gedächtnis bleiben wird wunderschön und zugleich schockierend!