18.05.2013
„Leuchtfeuer der Menschlichkeit”
Leuchtfeuer der Menschlichkeit
Es wäre eine bessere Welt, wenn alle Menschen wären, wie Waafa El Saddik. Sieben Jahre lang war sie Direktorin des berühmten Ägyptischen Museums in Kairo, aber ihr Leben auf diese sieben Jahre zu kondensieren, wäre viel zu kurz geraten. Aufgewachsen in der Aufbruchstimmung nach der Gründung der Republik unter Nasser, wird sie Zeuge vieler gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen, die teilweise Auswirkungen bis in ihr Privatleben haben. Mit Ehrgeiz, Mut und einem unerschütterlichen Empfinden für Gerechtigkeit meistert sie Probleme, an denen die Meisten zerbrochen wären.
Waafa El Saddik stammt aus einer bedeutenden ägyptischen Familie, die über Jahrhunderte herausragende Stellungen besetzte. Ihre Großeltern waren noch hohe Verwaltungsbeamte und Großgrundbesitzer, ihr Vater Wasserbauingenieur. Mehr durch Zufall findet das intelligente Mädchen nach der Schule den Weg zur Ägyptologie und wird die erste Frau, die in Ägypten selber einen Spaten in die Hand nehmen darf. Bis dahin waren Ausgrabungen reine Männersache. Aber ihre Zielstrebigkeit, gepaart mit ein wenig Glück, bringen sie immer dahin, wo sie hin will. Es ist ihre Gradlinigkeit, die oft den Ausschlag gibt. Sie ist immer ehrlich, hält mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg und das beeindruckt letztlich Gönner wie Gegner.
Als El Saddik den Direktorenposten im Ägyptischen Museum übernahm, lag der Anteil der Ägypter unter den Besuchern bei 2%, zum Schluss waren es 20%. Aber der Weg dahin war steinig und es gab viele mächtige Männer (und Frauen), die ihr Knüppel zwischen die Beine warfen. Der unrühmliche Zahi Hawas gehörte ebenfalls dazu, obwohl sie ihn sehr differenziert kritisiert. Sein pharaonisches Ego, die unberechenbaren Wutausbrüche und seine mediengeile Auffassung von Wissenschaft verachtet sie und wird nicht müde, dies zu geißeln. Auf der anderen Seite hält Hawas trotz aller Differenzen an ihr als Direktorin fest und das, obwohl ihr Vertrag jährlich kündbar ist. Auch hat er die Ägyptologie nach 200 Jahren endlich den Ägyptern zurückgegeben. Nicht ganz so differenziert ist Wafaa El Saddiks Kampf für die Rückgabe der Nofretete, bei dem sie ihre Argumente leider dreht, wie sie sie gerade braucht. Aber dieses schwierige Kapitel möchte ich hier nicht vertiefen, zumal das vom Eigentlichen ablenken würde: Diese Frau ist ein wirkliches Leuchtfeuer der Menschlichkeit in einem Meer aus Korruption und Intrigen. Wie sie es geschafft hat, in ihrem Leben allen Versuchungen zu widerstehen (und es gab deren genügend), sich für die Rechte der Rechtlosen einzusetzen, loyale Freundschaften über Kultur- und Ländergrenzen hinweg zu pflegen, wie sie sich für eine pluralistische Gesellschaft engagiert und darin nie nachlässt, auch wenn die Widerstände noch so stark werden, das ist eine wahrhaft großartige Lebensleistung.
Wafaa El Saddik schreibt lebendig und mit dem gleichen Herzblut, mit dem sie für ihre Projekte kämpft. Sie ist oft sehr emotional und gerade das fesselt den Leser von der ersten Seite an, wird er doch quasi Teil der großen Familie El Saddik. Man erleidet mit ihr Schicksalsschläge und freut sich mit ihr, wenn es gelingt, unfaire Gegner mit fairen Mitteln zu besiegen. Auch das Buch nimmt immer den geraden Weg.