02.03.2013
„Der Fisch stinkt vom Kopfer her”
Was ist heute noch wirklich die Wahrheit? Und durch wie viele und welche Filter wird diese mittlerweile gepresst, bis sie uns als solche verkauft wird? Zwei zentrale Fragen des Romans, der, ganz im Stile von John Le Carrés Der ewige Gärtner, literarische Mittel nicht nur nutzt, um Missstände anzuprangern, sondern auch um ein klareres Bild der gegenwärtigen Situation zu vermitteln. Im Wissen, dass die Realität stets schlimmer ist, als die Fiktion, lässt Stoll uns seine bitteren Pillen auf leeren Magen schlucken. Seine Figuren, allen voran Mara Podolski, sind scharf gezeichnet, sperrig und echt, wodurch recht früh die üblichen Schranken zwischen Leser und Protagonisten fallen. Erstaunlich, dass es hier besonders die weiblichen Charaktere sind, welche Stoll als Ermittler und damit letztlich als Triebfeder seiner Handlung nutzt, wohingegen den Männern in den meisten Fällen die Rolle des zu bekämpfenden Gegenparts zufällt. Trotz dieser Gewichtung verweigert sich der Autor jedoch jeglichem Schwarz-Weiß-Denken. Ganz im Gegenteil: Selbst die Bösewichte in Victoria-Report sind auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen. Mit manch einem, wie zum Beispiel dem Opportunisten Kaprolat, beginnt man, trotz fester moralischer Grundsätze, gar unwillkürlich zu sympathisieren. Zu schmal der Grat zwischen Idealismus und Machterhaltungskämpfen, zwischen wohlwollenden Absichten und schlechten Taten. Gerade diese vielen Ecken und Kanten der Figuren sind es, die den Roman abrunden.
Stolls Sprache ist dabei nicht ohne einen gewissen Zynismus, der uns, oftmals ätzend und triefend, den Spiegel vors Gesicht hält und dabei die Komplexität der Handlung unterstreicht. Überhaupt kommt Victoria-Report erstaunlich stilsicher daher. Obwohl eindeutig auf reale Begebenheiten bezogen, baut der Autor sein Wissen äußerst subtil ein und verschont den Leser mit längeren Vorträgen. Dadurch bleibt das Tempo durchgehend hoch, was insofern bedeutsam ist, da es an anderer Stelle leider hapert. Und zwar beim Spannungsbogen.
Dieser wird dem Anspruch eines Thrillers bzw. Kriminalromans nur gegen Ende gerecht, reicht doch die Brisanz der Thematik allein nicht aus, um den Leser die Seiten fester packen zu lassen. Mögliche Bedrohungsmomente werden zugunsten gutgemeinter, aber wenig schlagkräftiger Wendungen verschleppt. Der Erfolg von Podolskis Ansinnen steht, trotz des völlig unausgeglichenen Kräfteverhältnisses, nie wirklich außer Frage. Hinzu kommt, dass das Verschwinden ihres Sohnes Clive einfach zu lange keinerlei Rolle im Gefüge der Handlung spielt. Dies ist auch der einzige Punkt, in dem die Authentizität ein wenig ins Wanken gerät. Das sich eine Mutter, die nach längerer Zeit in Afrika nach Hause zurückkehrt und trotz mehrmaliger Versuche Lebensgefährten und Sohn nicht erreicht, einfach in die Arbeit stürzt, wirkt, auch angesichts ihrer späteren Reaktionen in Bezug auf ihr Kind, schlicht unglaubwürdig.
Ansonsten stellt Mara Podolski allerdings C. B. Stolls Faustpfand dar. Auch weil ihm mit ihr eine Figur gelungen ist, die genug Facetten aufweist, um über mehrere kommende Geschichten interessant zu sein. Diese sind, wie auf der Internetseite des Autors zu sehen, bereits in Planung.
Am Ende ist Victoria-Report vor allem eins: Eine äußerst erhellende, informative und mit knallharten Fakten gespickte Lektüre, dessen schwer verdauliche Botschaft den Magen nachhaltig grummeln lässt, in Punkto Spannung aber (noch!) nicht wirklich satt macht.