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Herbstfliegen
 

Herbstfliegen

Erzählung von Irène Némirovsky (buch)

"In allen bisher erschienenen Werken [von Irène Némirovsky] ist es der unerbittliche und mitleidlose Blick auf Figuren und Geschehen, der besticht und den Erzählduktus dieser Autorin so herausragend macht. Ihr Blick, der manchmal die Qualität von Röntgenaugen zu haben scheint, ... weiterlesen
  • ISBN-10:3-7175-4068-8
  • EAN:9783717540687
  • Erscheinungstermin:18.08.2008
  • Verlag:Manesse Verlag
  • Einband:gebunden
  • Sprache:Deutsch
  • Seiten:93
  • Gewicht:122 g
  • Übersetzer:Eva Moldenhauer

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Kurzbeschreibung:

"In allen bisher erschienenen Werken [von Irène Némirovsky] ist es der unerbittliche und mitleidlose Blick auf Figuren und Geschehen, der besticht und den Erzählduktus dieser Autorin so herausragend macht. Ihr Blick, der manchmal die Qualität von Röntgenaugen zu haben scheint, übersieht nichts: Unbestechlich steht sie auf Beobachtungsposten ihren Figuren gegenüber. Sie sympathisiert nicht mit den Guten und verurteilt nicht die Schlechten: Alle sind sie Opfer der Verhältnisse. Genauso steht es auch mit der kleinen, traurigen Erzählung „Herbstfliegen“ – ein Lockmittel für Einsteiger gewissermassen."

Beschreibung der Redaktion:

Nichts in Frankreich kann der betagten Tatjana Iwanowna den geliebten russischen Winter ersetzen. Während sie in Gedanken noch in der Heimat weilt, stürzen sich die Jüngeren der Emigrantenfamilie atemlos in das Pariser Leben. ? Irène Némirovsky (1903?1942), die in den 1920er-Jahren zum Star der französischen Literaturszene avancierte, bezaubert mit einer atmosphärisch dichten Herbstgeschichte. ? Deutsche Erstübersetzung ? Nach dem Roman ?Suite française? eine weitere Perle der Bestsellerautorin "Eine Erzählung von überragender literarischer Qualität." Marcel Prévost

Zusatzinformationen (Autorenportrait):

Irène Némirovsky wurde 1903 als Tochter eines reichen russischen Bankiers in Kiew geboren und kam während der Oktoberrevolution nach Paris. Dort studierte sie französische Literatur an der Sorbonne. Irène heiratete den weissrussischen Bankier Michel Epstei
Kapitel I
Sie nickte, sagte wie früher: «Nun denn, leb wohl, Jurotschka … Gib gut auf deine Gesundheit acht, mein Lieber.»
Wie die Zeit verging … Als er noch ein Kind war und im Herbst ins Gymnasium nach Moskau reiste, kam er auch so zu ihr, um Lebewohl zu sagen, in ebendieses Zimmer. Das war jetzt zehn, zwölf Jahre her …
Sie betrachtete seine Offiziersuniform mit einer Art Verwunderung, traurigem Stolz.
«Ach, Jurotschka, mein Kleiner, mir ist, als wäre es gestern gewesen …»
Sie schwieg, machte eine müde Handbewegung. Seit einundfünfzig Jahren war sie nun bei der Familie Karin. Sie war die Amme von Nikolai Alexandrowitsch gewesen, Juris Vater, und nach ihm hatte sie seine Geschwister grossgezogen, dann seine Kinder … Sie erinnerte sich noch an Alexander Kirillowitsch, der 1877, vor neununddreissig Jahren, im türkischen Krieg gefallen war. Und jetzt war die Reihe an den Kleinen, Kirill und Juri, in den Krieg zu ziehen …
Sie seufzte, machte auf Juris Stirn das Zeichen des Kreuzes.
«Geh, Gott wird dich beschützen, mein Lieber.»
«Aber sicher, Mütterchen …»
Er lächelte mit einem spöttischen, resignierten Ausdruck. Er hatte ein dickes, frisches Bauerngesicht. Er ähnelte nicht den anderen Karins. Er nahm die kleinen Hände der alten Frau, die hart waren wie Rinde, fast schwarz, in die seinen und wollte sie an seine Lippen führen.
Sie errötete, entzog sie ihm hastig.
«Bist du verrückt? Würde man nicht meinen, dass ich eine schöne junge Dame bin? Geh jetzt, Jurotschka, geh runter… Unten wird noch getanzt.»
«Leb wohl, Njanjuschka, Tatjana Iwanowna», sagte er mit seiner schleppenden, ironischen und ein wenig schläfrigen Stimme, «leb wohl, ich werde dir aus Berlin einen Seidenschal mitbringen, falls ich dort einmarschiere, was mich wundern würde, und einstweilen werde ich dir zu Neujahr ein Stück Stoff aus Moskau schicken.»
Sie versuchte zu lächeln, indem sie ihren Mund noch mehr zusammenkniff, der fein geblieben war, aber schmal und nach innen gestülpt, wie von den alten Kiefern eingesogen. Sie war eine Frau von siebzig Jahren, von zerbrechlichem Äusseren, kleinem Wuchs, mit einem lebhaften, lächelnden Gesicht; bisweilen war ihr Blick noch durchdringend, andere Male jedoch matt und ruhig. Sie schüttelte den Kopf.
«Du versprichst viel, und dein Bruder ist genau wie du. Aber da unten werdet ihr uns vergessen. Nun ja, gebe Gott, dass es bald zu Ende ist und dass ihr alle beide zurückkehrt. Wird dieser Fluch schnell zu Ende gehen?»
«Bestimmt. Schnell und schlimm.»
«Damit darf man nicht scherzen», sagte sie lebhaft. «Alles liegt in Gottes Hand.»
Sie liess von ihm ab, kniete sich vor den offenen Koffer. «Du kannst Platoschka und Pjotre sagen, sie können die Sachen holen, wann sie wollen. Alles ist fertig. Die Pelze und Plaids sind unten. Wann fahrt ihr ab? Es ist Mitternacht.»
«Es genügt, wenn wir am frühen Morgen in Moskau eintreffen. Der Zug fährt morgen um elf Uhr ab.»
Sie seufzte, schüttelte den Kopf mit vertrauter Bewegung.
«Ach, Herr Jesus, was für traurige Weihnachten …»
Unten spielte jemand einen schnellen, beschwingten Walzer auf dem Klavier; man hörte die Schritte der Tänzer auf dem alten Parkett und das Klirren der Sporen.
Juri machte eine Handbewegung. «Leb wohl. Ich gehe runter, Njanjuschka.»
«Geh nur, mein Herz.»
Sie blieb allein zurück. Sie legte die Kleider zusammen und murmelte: «Die Stiefel … Die Teile des alten Necessaires … sie können im Feld noch nützen … Habe ich auch nichts vergessen? Die Gehpelze sind unten …»
Auf diese Weise hatte sie vor neununddreissig Jahren, als Alexander Kirillowitsch fortgegangen war, die Uniformen eingepackt, sie erinnerte sich gut daran, mein Gott. Die alte Zimmerfrau, Agafja, lebte noch… Sie selbst war jung damals … Sie schloss die Augen, stiess einen tiefen Seufzer aus, erhob sich schwerfällig.
«Ich möchte gern wissen, wo diese Hunde sind, Platoschka und Petka», grummelte sie. «Möge Gott mir vergeben. Sie sind heute alle betrunken.» Sie hob den heruntergefallenen Schal auf, bedeckte ihr Haar und ihren Mund und ging hinunter. Die Wohnung der Kinder befand sich im alten Teil des Hauses. Es war ein schönes Gebäude von erhabener Architektur mit einem grossen, säulengeschmückten griechischen Giebel; der Park erstreckte sich bis zur Nachbargemeinde Sucharewo. Seit einundfünfzig Jahren hatte Tatjana Iwanowna es noch nie verlassen. Nur sie kannte alle seine Schränke, alle seine Keller und die dunklen verlassenen Zimmer im Erdgeschoss, die früher einmal Prunkräume gewesen waren, durch die Generationen gewandelt waren …
Rasch durchquerte sie den Salon. Kirill bemerkte sie und rief lachend: «Na, Tatjana Iwanowna? Gehen deine Lieblinge fort?»
Sie runzelte die Brauen und lächelte gleichzeitig.
«Oh, es wird dir bestimmt nicht schaden, wenn dein Leben ein wenig härter wird, Kirilluschka …»
Er und seine Schwester Lulu besassen die Schönheit, die blitzenden Augen, die grausame und glückliche Miene der Karins von einst. Lulu tanzte in den Armen ihres kleinen Vetters, Tschernyschow, eines fünfzehnjährigen Gymnasiasten. Sie selbst war gerade sechzehn geworden. Sie war bezaubernd mit ihren vom Tanz erhitzten roten Wangen und ihren dicken schwarzen Zöpfen, die sich um ihren kleinen Kopf wanden wie ein dunkler Kranz.
«Die Zeit, die Zeit», dachte Tatjana Iwanowna, «o mein Gott, man merkt gar nicht, wie sie vergeht, und eines Tages sieht man, dass die kleinen Kinder einen Kopf grösser sind als man selbst … Auch Lulitschka ist jetzt ein grosses Mädchen … Mein Gott, und erst gestern sagte ich zu ihrem Vater: ‹Weine nicht, Kolinka, alles geht vorbei, mein Herz.› Und jetzt ist er ein alter Mann …»
Er stand vor ihr, zusammen mit Jelena Wassiljewna. Er sah sie, zitterte, murmelte: «Schon? Tatjanuschka? Die Pferde sind da?»
«Ja, es ist Zeit, Nikolai Alexandrowitsch. Ich lasse das Gepäck in den Schlitten bringen.»
Er senkte den Kopf, biss sich leicht auf seine bleichen Lippen. «Schon, mein Gott? Nun ja… was soll man machen? Geh. Geh…»
Er wandte sich zu seiner Frau um, lächelte schwach und sagte mit seiner wie gewohnt müden und ruhigen Stimme: «Children will grow, and old people will fret. Nicht wahr, Nelly? Also, meine Liebe, ich glaube, es ist wirklich Zeit.»
Wortlos sahen sie sich an. Nervös warf sie den schwarzen Spitzenschal um ihren langen, geschmeidigen Hals, die einzige Schönheit ihrer Jugend, die unversehrt geblieben war, ebenso wie die grünen, wie Wasser glitzernden Augen.
«Ich gehe mit dir, Tatjana.»
«Wozu?» sagte die alte Frau achselzuckend, «Sie werden sich bloss erkälten.»
«Das macht nichts», murmelte sie ungeduldig.
Tatjana Iwanowna folgte ihr schweigend. Sie gingen durch die kleine verlassene Galerie. Früher, als Jelena Wassiljewna noch Gräfin Jelezkaja hiess, als sie in den Sommernächten im Pavillon am Ende des Parks Nikolai Karin besuchte, betraten sie durch ebendiese kleine Tür das schlafende Haus … dort traf sie bisweilen am frühen Morgen die alte Tatjana. Sie sah noch, wie sie vor ihr zurücktrat und sich bekreuzigte. All das schien alt und fern zu sein wie ein seltsamer Traum. Als Jelezki gestorben war, hatte sie Karin geheiratet. Anfangs hatte Tatjanas Feindseligkeit sie oft gereizt und geschmerzt… Sie war jung. Jetzt war es anders. Es kam vor, dass sie mit einer Art ironischem und traurigem Vergnügen auf die Blicke der alten Frau, ihr verschämtes Zurückweichen wartete, als wäre sie noch immer die sündige Ehebrecherin, die unter den alten Linden zu ihrem Stelldichein lief … Das zumindest war von ihrer Jugend geblieben. Mit lauter Stimme fragte sie: «Hast du auch nichts vergessen?»
«Aber nein, Jelena Wassiljewna.»
«Es schneit stark. Lass noch mehr Decken in den Schlitten bringen.»
«Seien Sie unbesorgt.»
Sie stiessen die Terrassentür auf, die sich im hohen Schnee mit Mühe knirschend öffnete. Die kalte Nacht war voll vom Geruch vereister Fichten, fernen Rauchs. Tatjana Iwanowna band ihren Schal unter ihrem Kinn zusammen und lief zum Schlitten. Sie ging immer noch gerade und lebhaft wie damals, als sie im Park in der Dämmerung die Kinder suchte, Kirill und Juri. Jelena Wassiljewna schloss einen Augenblick die Augen, sah ihre beiden ältesten Söhne wieder vor sich, ihre Gesichter, ihre Spiele. Kirill, ihr Liebling. Er war so schön, so … glücklich … Um ihn bangte sie mehr als um Juri. Sie liebte beide leidenschaftlich. Aber Kirill … Ach, es war eine Sünde, daran zu denken… «Mein Gott, beschütze uns, rette uns, lass uns alt werden im Kreise all unserer Kinder … Erhöre mich, Herr! Alles liegt in Gottes Hand», sagte Tatjana Iwanowna.
Tatjana Iwanowna ging die Stufen der Terrasse hinauf, die Schneeflocken abschüttelnd, die sich in den Maschen ihres Schals verfangen hatten.
Die beiden Frauen kehrten in den Salon zurück. Das Klavier war verstummt. Die jungen Leute, mitten im Raum stehend, sprachen halblaut miteinander.
«Es ist Zeit, meine Kinder», sagte Jelena Wassiljewna.
Kirill machte eine Handbewegung. «Schon gut, Mama, gleich … Noch ein Glas, meine Herren.»
Sie tranken auf das Wohl des Zaren, der kaiserlichen Familie, der Verbündeten, auf die Niederlage Deutschlands. Nach jedem Toast warfen sie die Gläser auf den Boden, und die Diener sammelten stumm die Scherben auf. Die anderen Dienstboten warteten in der Galerie.
Als die Offiziere an ihnen vorbeikamen, wiederholten sie alle gemeinsam wie eine düstere, auswendig gelernte Lektion: «Nun denn … Leb wohl, Kirill Nikolajewitsch … Leb wohl, Juri Nikolajewitsch.»
Nur einer, der alte Koch Antip, immer betrunken und traurig, neigte seinen dicken grauen Kopf zur Schulter und fügte mit lauter, heiserer Stimme mechanisch hinzu: «Möge Gott euch gesund erhalten.»
«Die Zeiten haben sich geändert», grummelte Tatjana Iwanowna. «Die Abfahrt der Herrschaft, früher … Die Zeiten haben sich geändert, und die Menschen.»
Sie folgte Kirill und Juri auf die Terrasse. Der Schnee fiel rasch. Die Diener hoben ihre brennenden Laternen hoch, die Statuen am Rande der Allee beleuchtend, zwei vor Eis und Rauhreif glitzernde Bellonas, römische Kriegsgöttinnen, sowie den vereisten, reglosen alten Park. Ein letztes Mal schlug Tatjana Iwanowna das Kreuz über dem Schlitten und der Landstrasse; die jungen Leute riefen sie, hielten ihr lachend ihre heissen, vom Nachtwind gepeitschten Wangen hin. «Also, leb wohl, bleib gesund, Mütterchen, wir kommen wieder, hab keine Angst…»
Der Kutscher ergriff die Zügel, stiess eine Art Schrei aus, einen schrillen, sonderbaren Pfiff, und die Pferde setzten sich in Bewegung. Einer der Diener stellte die Laterne auf den Boden und gähnte.
«Sie bleiben hier, Grossmutter?»
Die alte Frau antwortete nicht. Sie gingen weg. Sie sah, wie nacheinander die Lichter der Terrasse und des Vestibüls erloschen. Im Haus hatten sich Nikolai Alexandrowitsch und seine Gäste zum Abendessen wieder an den Tisch gesetzt. Mechanisch nahm Nikolai Alexandrowitsch dem Diener eine Flasche Champagner aus der Hand. «Warum trinkt ihr nicht?» murmelte er mühsam. «Es muss getrunken werden.»
Behutsam füllte er die gereichten Gläser; seine Hände zitterten ein wenig. Ein dicker Mann mit gefärbtem Schnurrbart, General Sedow, trat an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr: «Machen Sie sich keine Gedanken, mein Lieber. Ich habe mit Seiner Hoheit gesprochen. Er wird ein Auge auf sie haben, seien Sie beruhigt.»
Nikolai Alexandrowitsch zuckte leicht die Achseln. Auch er war nach Sankt Petersburg gefahren … er hatte Briefe und Audienzen erhalten. Er hatte mit dem Grossherzog gesprochen.
Als könnte er die Kugeln aufhalten, oder die Ruhr … «Wenn die Kinder gross geworden sind, kann man bloss noch die Arme verschränken und das Leben seinen Gang gehen lassen… Und trotzdem regt man sich noch auf, man rennt herum, man stellt sich alles mögliche vor, auf mein Wort. Ich werde alt», dachte er plötzlich, «alt und feige. Krieg? … Mein Gott, hätte ich mir mit zwanzig ein schöneres Los erträumen können?»
Laut sagte er: «Danke, Michail Michailowitsch… Was wollen Sie? Sie werden es machen wie alle andern. Nur Gott beschert uns den Sieg.»
Der alte General wiederholte mit Inbrunst: «Möge es Gottes Wille sein!» Die anderen, die Jungen, die an der Front gewesen waren, schwiegen. Einer von ihnen öffnete mechanisch das Klavier, schlug ein paar Töne an.
«Tanzt, Kinder», sagte Nikolai Alexandrowitsch.
Er setzte sich an den Bridgetisch und winkte seine Frau heran. «Du solltest dich ausruhen, Nelly. Schau doch, wie blass du bist.»
«Du auch», sagte sie leise.
Stumm drückten sie sich die Hand. Jelena Wassiljewna ging hinaus, und der alte Karin nahm die Karten und begann zu spielen, wobei er von Zeit zu Zeit mit abwesender Miene an den silbernen Kerzenmanschetten des Leuchters herumfingerte.


Kapitel II
Noch eine Weile lauschte Tatjana Iwanowna dem sich entfernenden Schellengeläut. «Sie fahren schnell», dachte sie. Sie blieb mitten auf der Allee stehen und drückte mit beiden Händen ihren Schal an ihr Gesicht. Der trockene, leichte Schnee drang wie Pulver in die Augen. Der Mond war aufgegangen, und die tief in den gefrorenen Boden eingegrabenen Spuren des Schlittens funkelten in blauem Schimmer. Der Wind drehte, und alsbald begann der Schnee kräftig zu fallen. Das leise Bimmeln der Glöckchen war verstummt; die mit Eis beladenen Tannen knackten in der Stille mit dem dumpfen Stöhnen einer menschlichen Anstrengung.
Die alte Frau ging langsam zum Haus zurück. Sie dachte an Kirill, an Juri mit einer Art schmerzlichen Verwunderung … Der Krieg. Sie stellte sich vage ein Feld und galoppierende Pferde vor, Granaten, die wie reife Schoten zerplatzten. Wie auf einem Bild, das sie gesehen hatte … Wo …? Wahrscheinlich in einem Schulbuch, das die Kinder ausgemalt hatten. Welche Kinder…? Diese da oder Nikolai Alexandrowitsch und seine Brüder …? Manchmal, wenn sie sich matt fühlte wie in dieser Nacht, verwechselte sie sie in ihrer Erinnerung. Ein langer wirrer Traum… Würde sie nicht wie früher von Kolinkas Schreien in der alten Kammer aufwachen…?
Einundfünfzig Jahre… Damals hatte auch sie einen Ehemann, ein Kind. Sie waren tot, alle beide … Es war so lange her, dass sie sich zuweilen nur mit Mühe an ihre Gesichtszüge erinnern konnte. Ja, alles ging vorüber, alles lag in Gottes Hand.
Sie ging zu dem kleinen Andrej hinauf, dem jüngsten Kind der Karins, das sich in ihrer Obhut befand. Es schlief noch an ihrer Seite, in jenem grossen Eckzimmer, in dem Nikolai Alexandrowitsch und, nach ihm, seine Geschwister gelebt hatten. Diese waren alle tot oder weit weggezogen. Das Zimmer schien viel zu gross und viel zu hoch zu sein für die wenigen Möbel, die noch blieben, das Bett von Tatjana Iwanowna und das Bettchen von Andrej mit den weissen Vorhängen und der zwischen den Gitterstäben hängenden kleinen alten Ikone. Eine Spielzeugkiste, ein altes kleines Holzpult, das einmal weiss gewesen war und das vierzig Jahre abgeschliffen und mit einer lackähnlichen zartgrauen Färbung überzogen hatten … Vier nackte Fenster, ein altes rotes Parkett … Tagsüber war das alles in eine Flut von Licht und Luft getaucht. Wenn die Nacht hereinbrach und es sonderbar still wurde, sagte Tatjana Iwanowna: «Es ist an der Zeit, dass andere kommen …»
Sie zündete eine Kerze an, die schwach die Zimmerdecke und die dort aufgemalten Engel mit den dicken, bösen Gesichtern beleuchtete, deckte die Flamme mit einer Papptüte ab und näherte sich Andrej. Er schlief fest, sein goldgelockter Kopf war tief in das Kissen gesunken. Sie berührte seine Stirn und seine kleinen auf dem Laken liegenden geöffneten Hände, setzte sich dann neben ihn an ihren gewohnten Platz. Nachts blieb sie stundenlang so sitzen, halbwach, strickend, eingelullt von der Wärme des Ofens, und dachte an die vergangenen Zeiten und an jenen Tag, an dem Kirill und Juri heiraten und andere kleine Kinder hier schlafen würden. Andrej würde bald fortgehen. Im Alter von sechs Jahren zogen die Knaben einen Stock tiefer, um mit den Hauslehrern und den Gouvernanten zu leben. Aber nie war das alte Zimmer lange leer geblieben. Kirill …? Oder Juri …? Oder vielleicht Lulu …? Sie betrachtete die Kerze, die in der Stille mit einem starken, eintönigen Geräusch knisternd abbrannte, bewegte sacht die Hand, als stiesse sie eine Wiege an. «So Gott will, werde ich noch ein paar andere hier sehen», murmelte sie.
Es klopfte an der Tür. Sie stand auf, sagte mit leiser Stimme: «Sind Sie es, Nikolai Alexandrowitsch …?»
«Ja, Njanjuschka …
«Seien Sie leise, wecken Sie den Kleinen nicht auf …»
Er trat ein; sie nahm einen Stuhl und stellte ihn vorsichtig in die Nähe des Ofens.
«Sind Sie müde? Möchten Sie ein wenig Tee? Das Wasser ist schnell heiss gemacht.»
Er hielt sie zurück. «Nein. Lass nur. Ich brauche nichts.»
Sie hob die zu Boden gefallene Handarbeit auf, setzte sich wieder, bewegte rasch die glänzenden Nadeln.
«Sie haben uns schon lange nicht mehr besucht.»
Irène Némirovsky wurde 1903 als Tochter eines reichen russischen Bankiers in Kiew geboren und kam während der Oktoberrevolution nach Paris. Dort studierte sie französische Literatur an der Sorbonne. Irène heiratete den weissrussischen Bankier Michel Epstei
Eva Moldenhauer:
Die Übersetzerin Eva Moldenhauer wurde 1934 in Frankfurt am Main geboren, wo sie auch heute noch lebt. Neben dem Werk von Claude Simon übersetzte sie aus dem Französischen u. a. Claude Levi-Strauss, Jean-Paul Sartre, Agota Kristof, Jorge Semprun, Julien Green und Emanuel Levinas.
Irène Némirovsky:
Irène Némirovsky, geb. 1903 als Tochter eines reichen russischen Bankiers in Kiew geboren, kam während der Oktoberrevolution nach Paris. Dort studierte sie französische Literatur an der Sorbonne. Irène heiratete den weißrussischen Bankier Michel Epstein, bekam zwei Töchter und veröffentlichte ihren Roman 'David Golder', der sie schlagartig berühmt und zum Star der Pariser Literaturszene machte. Viele weitere Veröffentlichungen folgten. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und die Deutschen auf Paris zu marschierten, floh sie mit ihrem Mann und den Töchtern in die Provinz. Während der deutschen Besetzung erhielt sie als Jüdin Veröffentlichungsverbot. In dieser Zeit arbeitete sie an einem großen Roman über die Okkupation. Am 13.7.1942 wurde Irène Némirovsky verhaftet und starb wenige Wochen später in Auschwitz. 2005 entzifferte Némirovskys Tochter Denise Epstein das Manuskript, das als Suite française veröffentlicht und zur literarischen Sensation wurde.
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