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Flughafenfische
 

Flughafenfische

Roman von Angelika Overath (buch)

In der Ortlosigkeit eines Flughafens kreuzen sich die Lebenslinien dreier Menschen. Eine müde Magazinfotografin gerät vor dem Riffaquarium der Transithalle in den Schwindel fragmentierter Reisebilder aus Afrika und Asien. Sie findet eine seltsame Nähe zu dem Mann, der hier ... weiterlesen
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  • Sprache:Deutsch
  • Seiten:172
  • Gewicht:336 g

Kurzbeschreibung:

In der Ortlosigkeit eines Flughafens kreuzen sich die Lebenslinien dreier Menschen. Eine müde Magazinfotografin gerät vor dem Riffaquarium der Transithalle in den Schwindel fragmentierter Reisebilder aus Afrika und Asien. Sie findet eine seltsame Nähe zu dem Mann, der hier die stillen Tiere pflegt wie seine Kinder. Während sich zwischen den beiden eine verschwiegene Liebe entwickelt, geht nebenan im Raucherfoyer eine Ehe zu Ende. Variiert werden im Wendekreis der Fische die Muster von Sehnsucht, Einsamkeit und Paarungen.

Beschreibung der Redaktion:

Es hatte keinen Anschlussflug gegeben; Elis streift durch den Transit. Sie zweifelt an ihrem Leben als Magazinfotografin. Auf einmal stockt sie vor einem riesigen Aquarium. Fische aus allen tropischen Meeren ziehen über Korallenbänke und Anemonenwiesen, während der Strom der Passanten den Glaskörper umfließt. Als sie Tobias entdeckt, der die Scheiben reinigt, beginnt sie, sich für diesen Mann zu interessieren. Auch er hat sie beobachtet, aus einem Grund, den sie nicht ahnt. Sie spricht ihn an. Er gibt Auskunft über Fischsymbiosen, Seepferdchenväter, die Fortpflanzung von Korallen; sie erzählt von Reisen, einer unglücklichen Liebe. Die beiden sprechen aneinander vorbei und geraten doch in eine vorsichtige Vertrautheit, die alles ändern kann. Im Raucherfoyer trinkt sich unterdessen ein alternder Biochemiker in einen finalen Ehemonolog. "Flughafenfische" variiert im Transit eines futuristischen Airports die uralten Themen Liebe und Tod.

Angelika Overath schreibt Romane als "Reportagen aus der Intimität". Wo scheinbar nichts geschieht, öffnet sie irritierende und berührende Innenräume.

Zusatzinformationen (Autorenportrait):

Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin. Von ihr sind bisher zwei Romane erschienen „Nahe Tage“ und „Flughafenfische“ - für den sie für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis nominiert war. Sie lebt in Sent, Graubünden.
Es war einer jener langen, unbedeutenden Nachmittage, und es sollte doch der letzte seiner Art sein. Und auch als es später Nachmittag, wohl Abend geworden war in dieser Halle ohne Zeit, und als die Nacht begann mit all den gleissend weissen und bunten Lichtern draussen vor dem Glas und als der Nebel zu einer Wand gewachsen war und die Rollfelder, die Start- und Landebahnen und die Flugzeuge einfach weggenommen hatte, selbst dann noch, als manche, widerjede Notwendigkeit, schon auf das Morgenlicht warteten (warum sollte die Sonne denn nicht aufgehen über den silbernen Betonbändern und dem tintigen Gras?), da gehörte dies alles immer noch zu jenem langsamen Nachmittag, der damit begonnen hatte, dass Tobias' Augen auf der Bauchhaut des Rochen lagen.
Er stand vor dem Aquarium.
Der Rochen klebte flach mit ausgebreiteten Seitenflossen am Glas. Seine Unterseite war milchig weiss. Und Tobias spielte gerne mit diesem Blick, bei dem er sich selbst sah (nur ein wenig, nur als Schemen mit blassdunklen Gesichtszügen) und zugleich denken konnte, er sähe einen andern.
Einen Mann, einen Fremden, der interessanter war als er, einen Reisenden im Staubmantel vielleicht und mit Hut, einen, den er gerne kennenlernen würde.
Manchmal kam er dann einen Schritt näher und starrte in die zwei dunklen Öffnungen über dem Mund des Tieres, die so aussahen, als könne der Rochen mit ihnen sehen.
Ein Gespenst, kreischte es, schau, ein Gespenst!
Er drehte sich weg. (Immer wenn der Rochen so dahing, kreischte bald irgendein Kind.)
Ein Mädchen in rosageringelter Filzweste streckte jetzt seinen Zeigefinger gegen die dicke Scheibe und zog ihn schnell, in erschrockener Lust, wieder zurück. Nun sah es sich um, als suche es nach einem Echo seiner Begeisterung. Der Rochen klebte weiter an der Scheibe. Sein geschwungener schwarzer Mund stand offen wie ein kleines Lächeln. Seine Nasenlöcher gaben ihm ein täuschendes Angesicht. Mit den flachen Flossen bot er sich an wie ein Gekreuzigter.
Tobias sagte nichts.
Das Mädchen wippte vor dem Glas. Es trug einen kurzen, dunkelblauen Faltenrock, der sein Hüpfen optisch verstärkte.
Wie eine beschleunigte Qualle, dachte Tobias.
Ein Rochen, sagte müde ein Mann. Langsam trat er von hinten an das Kind und legte ihm die Hand auf die Schulter, das ist ein Rochen. Von unten gesehen. Schau, das da ist der Mund, und da, die zwei Öffnungen, die Kiemen.
Auch falsch, dachte Tobias, die Kiemen liegen tiefer.
Einst hatten Seefahrer Rochen mitgebracht, auf den Schiffen getrocknete Rochen, die sie an Land als Wasserfrauen verkauften. Nur ein wenig zurechtgeschnitten, da und dort etwas abgebunden, und schon hatten diese Fische weibliche Körper, etwas Engelhaftes auch. Geigenrochen, dachte Tobias, bewiesen die Existenz von Nixen. Jeder konnte sie anfassen. Und mit den Fingerspitzen über die spröden Falten ihrer nun fast gläsernen Haut fahren.
Ein Gespenst, schrie das Kind, mit Gespensteraugen! Schau doch, schau doch mal.
Tobias senkte den Blick. Er kannte diese Szene in ihren täglichen Varianten. Sie gehörte zum Rochen wie seine weisse Bauchmaske, wie seine geöffneten Seitenflossensegel.
Vater und Tochter standen an der Scheibe.
Willst du etwas trinken, fragte der Vater, als müsse er das Kind ablenken. Das Mädchen nickte. Der Vater nahm seinen Rucksack von der Schulter und dirigierte die Tochter zu der Reihe von Plastiksesseln, die in einem geringen Abstand vor dem Aquarium standen. Bald sassen beide nebeneinander und sahen auf das kleine Meer, das hier im Flight Connection Centre die fensterlosen Fluchten der Einkaufsareale abteilte vom Oval einer Ruhezone, deren Glasfront einen weiten Panoramablick auf die Flugzeuge bot.
(Unter anderem ist es ein Raumteiler, dachte Tobias, unter anderem.) Es war ein buntbewegter Glaskörper, ein Segment Lagune, wie aus einem Ozean herausgeschnitten. Eine professionell arrangierte, bemessene Portion Korallenriff.
Das Mädchen sog selbstvergessen an einem gebogenen
Trinkhalm und schaukelte mit den Beinen. Tobias sah seine mageren Waden und darüber die Knie, die aus den Gummistiefeln stiegen wie feine Gliedmassen einer Gelenkpuppe. Der Vater hatte sich zurückgelehnt und die Augen geschlossen.
Tobias war nie in Siena gewesen. Aber vieles kannte er aus Filmen. Das war leichter. Er musste nicht reisen, er musste nicht reagieren. Er konnte sehen, blieb aber selbst unsichtbar. Filme sahen nicht zurück. Wenn er Filme sah, gaben andere Augen den seinen Halt. Die alten Bäder von Bagno Vignoni zum Beispiel, er sah sie, wie Tarkowski sie gesehen hatte. (Er mochte seine verzögerten Blicke.) Und dort gab es am Ende so ein Mädchen, ein Mädchen, das unvermittelt dasitzt in den verlassenen Becken. Überall steht das Wasser, alles tropft, und der schweifende, der unsichere, ja, der wohl haltlose Dichter - es war doch ein Dichter? -, er weiss nicht wohin mit seinem Leben, und da sitzt das Mädchen mit seinen Gummistiefeln. Sitzt einfach da. Wie ein Beweis. Und Tobias wusste nicht mehr, ob das Mädchen nun lachte oder nur gerade so mit den Beinen wippte. Aber wie es dasass und ihn ansah (ohne ihn zu sehen, er wusste das schon), war das Leben entschieden. Zum Guten entschieden. Auf einmal war klar, dass es weiterging. Ohne Grund. Oder nur aus diesem einen nicht stichhaltigen Grund, dass da das Mädchen sass und mit den Beinen schaukelte. Die Füsse in den grossen Gummistiefeln. Weiter konnte man das nicht erklären. Diese Gummistiefel waren ja auch komisch. Was sollten denn Gummistiefel noch retten, angenommen - und der Dichter sah es wohl so - die
Welt würde untergehen? Jedenfalls, erinnerte Tobias sich, war der Film nach diesem Bild zu Ende.
Tobias sah den reisenden Vater an. Er hatte die Hände in seine Jacke gesteckt, eine Allwetterjacke mit vielen Taschen, wie sie Photographen oft anhaben, und den Kopf nach hinten gelegt. Fast schien es, als wolle er Kraft schöpfen während kostbarer Sekunden heimlicher Abwesenheit. (Aber er war ja da.) Dieser Vater würde nicht einschlafen, auf keinen Fall, aber er nahm sich diesen einen Moment, den das Kind ihm gab. Das Kind sog an seinem Trinkhalm, schaukelte mit den Beinen, sah zu den Fischen, die aus den Felsen herausschwammen und wieder verschwanden in einem Gewoge, bunt wie zuckrige Süssigkeiten aller synthetischen Geschmacksrichtungen. Es glaubt vermutlich, dachte Tobias, man kann das alles lutschen.
Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin. Von ihr sind bisher zwei Romane erschienen „Nahe Tage“ und „Flughafenfische“ - für den sie für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis nominiert war. Sie lebt in Sent, Graubünden.
Angelika Overath:
Angelika Overath, geb. 1957 in Karlsruhe, studierte und promovierte in Tübingen. Sie arbeitet als Reporterin, Essayistin und Literaturkritikerin u. a. für die NZZ und ist Autorin mehrerer Romane. 1996 erhielt sie den Egon-Erwin-Kisch-Preis für literarische Reportagen
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„...man hat das Gefühl, man erlebe es selbst...”

17.01.2010

von einer Kundin oder einem Kunden

Tobias, Elis und „der Raucher“ sind die drei Protagonisten des Romans Flughafenfische, die sich aus unterschiedlichen Gründen innerhalb eines Flughafens aufhalten. Tobias, der Aquarist des Flughafens kümmert sich liebevoll und in voller Ruhe um sein Aquarium. Elis wartet auf ihren Anschlussflug und „Der Raucher“ sitzt im Raucherbereich und grübelt über seine gescheiterte Ehe nach.
„Flughafenfische“ vermittelt den Gegensatz zwischen der Schnelllebigkeit, der Hektik und der Alltagslärm des Flughafens und der stillen, eigenen Welt des Aquariums.
Angelika Overath beschreibt die Beobachtungen und Wahrnehmungen der Protagonisten so präzise, dass man das Gefühl hat man erlebe es selbst.

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„Angelika Overath - Flughafenfische”

05.11.2009

Rezension von hasewue

Ein Aquarium in einem Flughafen? Gibt es so etwas? – Ja.
Schon die Vorstellung an dieses Szenario wirkt grotesk und man kann es gar nicht glauben, so wie die Photographin Elisabeth, genannt Elis, als sie bei einem Zwischenstopp ein riesiges Aquarium bemerkt, das zahlreiche Fischarten beherbergt. Während ihrer Erkundung des Flughafens lernt sie den Aquaristen Tobias Winter kennen, der für das Aquarium und dessen Bewohner zuständig ist.
Die beiden kommen ins Gespräch und Tobias erzählt Elis von den verschiedenen Fischen, ihren Gewohnheiten und ihren Eigenschaften. Im Gegenzug dazu erzählt Elis von den einzelnen Ländern, die sie bereist hat und von ihrem Leben.
Am anderen Ende des Flughafens befindet sich im Raucherbereich ein alternder Biochemiker, der versucht das Scheitern seiner Ehe zu begreifen.
Angelika Overath erzählt mit solch einer Wortgewalt und so abwechslungsreich, dass der Leser in diesem Sog der Erzählung komplett gefangen genommen wird.
Zunächst hatte ich einige Schwierigkeiten mich in der Handlung zu Recht zu finden, aber Overath schafft es mit nur wenigen Sätzen alle Zweifel zu beseitigen und sie schafft einen Tiefgang, der den Leser komplett überzeugt und zufrieden zurück lässt.
Aus drei Perspektiven – Tobias, Elis und „Der Raucher“ – schildert Angelika Overath mit einer unglaublichen Liebe zum Detail die Probleme, Gedanken und Ängste der einzelnen Protagonisten mit einer ruhigen Art, die selbst an ein Aquarium erinnert.
Nebenbei erfährt man einiges über Fische, was durchaus interessant ist.
Angelika Overath hat mit „Flughafenfische“ eine bewegende, nachdenkliche und ansprechende Geschichte über drei völlig unterschiedliche mit der Einsamkeit kämpfende Charaktere geschrieben, in der man versinkt und am liebsten nicht mehr auftauchen möchte!

5 von 5 Sternen!

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„Eine liebenswerte kleine Lektüre für die nächste Flugreise.”

14.06.2009

Rezension von Silke Schröder aus Hannover (silke.schroeder@hallo-buch.de) Top-10 Rezensent

Angelika Overath gelingt mit „Flughafenfische“ eine wundervolle und warmherzige Beobachtung aus der sterilen Welt des Transits, abseits des touristischen Massenbetriebs. Unaufdringlich und etwas melancholisch erzählt sie einen kurzen Abschnitt aus dem Leben ihrer drei Protagonisten. Und auch wenn darin scheinbar nichts passiert, inszeniert sie gekonnt die Auseinandersetzung über die Untiefen des zwischenmenschlichen Auseinander- und Zusammenlebens. Eine liebenswerte kleine Lektüre für die nächste Flugreise.

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