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Das Lügenhaus,  Band 1
 
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Das Lügenhaus, Band 1

Roman. Ausgezeichnet mit dem norwegischen Buchhandelspreis von Anne B. Ragde (buch)

Band 1 des Nummer-1-Bestsellers aus Norwegen.Drei Generationen, drei Männer, ein dunkles Geheimnis.Trondheim in Norwegen: Als die Bäuerin Anna nach einem Schlaganfall im Sterben liegt, kommt die Familie nach Jahrzehnten erstmals wieder zusammen. Tor, der älteste Sohn, der ... weiterlesen
  • ISBN-10:3-442-75193-4
  • EAN:9783442751938
  • Erscheinungstermin:18.06.2007
  • Verlag:Goldmann
  • Einband:gebunden
  • OriginaltitelBerlinerpoplene
  • Kundenbewertung:
    (Durchschnitt aus 7 Rezensionen )
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  • Sprache:Deutsch
  • Seiten:318
  • Gewicht:540 g
  • Übersetzer:Gabriele Haefs

Kurzbeschreibung:

Band 1 des Nummer-1-Bestsellers aus Norwegen.


Drei Generationen, drei Männer, ein dunkles Geheimnis.


Trondheim in Norwegen: Als die Bäuerin Anna nach einem Schlaganfall im Sterben liegt, kommt die Familie nach Jahrzehnten erstmals wieder zusammen. Tor, der älteste Sohn, der den elterlichen Hof übernommen hat und mit Hingabe Schweinezucht betreibt, verständigt nicht nur seine beiden Brüder Margido und Erlend, sondern auch seine Tochter Torunn, die er nur ein einziges Mal gesehen und vor seiner Familie verheimlicht hat. Margido zeigt sich wenig erfreut über seinen Anruf. Er hat vor Jahren den Kontakt zur Familie abgebrochen und betreibt ein Bestattungsunternehmen unweit des Elternhauses. Auch Erlend tritt die Heimreise mit gemischten Gefühlen an. Er ist schwul und hat deshalb vor vielen Jahren den Hof nach einem heftigen Streit verlassen. Nun lebt er mit seinem Lebensgefährten in Kopenhagen, liebt seinen Job als Schaufensterdekorateur und geniesst das Leben in vollen Zügen. Der Einzige, der unglücklich zu sein scheint, ist der Vater. Der hat Zeit seines Lebens ein Schattendasein geführt, wofür ihn besonders Tor verachtet hat. Doch als es gilt, das Erbe aufzuteilen, sieht er die Zeit gekommen, ein lange gehütetes Geheimnis zu lüften ...


Ausgezeichnet mit dem norwegischen Buchhandelspreis.


Zusatzinformationen (Autorenportrait):

Anne B. Ragde wurde 1957 im westnorwegischen Hardanger geboren. Sie ist eine der beliebtesten und erfolgreichsten Autorinnen Norwegens und zählt auch im Krimi- und Jugendbuchbereich zu den grossen Schriftstellerinnen des Landes. Die Autorin wurde mehrfach
Komm«, flüsterte sie. »Kannst du denn nicht bald kommen …«
Sie stand vor der Tür des Bootshauses und rang die Hände, unten in der Schürzentasche, was, wenn er nicht allein wäre, es wäre nicht das erste Mal. Denn wer könnte ahnen, dass ein Ausflug hinunter zum Strand etwas anderes war als ein Ausflug an den Strand, sie könnten doch auf die Idee kommen, dass er Gesellschaft haben wollte. Aber wenn er nicht allein kam und sie sie hier fanden, würde sie das einfach damit erklären, dass sie kaltes Fjordwasser holen wollte, um die frisch gefangenen Heringe damit zu übergiessen. Sie hatte einen Eimer mitgenommen, eben, um eine solche Entschuldigung zu haben.
Im Bootsschuppen stand die Hitze, Sonnenstreifen sickerten durch die Wandbretter, und dort, wo die Sonnenstreifen auf den Boden trafen, wuchsen kurze grüne Grasbüschel zwischen den Steinen hervor. Am liebsten hätte sie sich jetzt ausgezogen, um in den noch winterkalten Fjord hinauszuwaten, den Muschelsand unter ihren Fusssohlen zu spüren, die Tanglappen an Waden und Schenkeln vorbeigleiten zu lassen, ihn für kurze Zeit zu vergessen, ihn zu vergessen und sich desto mehr zu freuen, wenn er ihr wieder einfiel.
»Komm doch endlich, bitte …«
Sie hatte die Tür angelehnt und konnte hinausschauen. Draussen lag das Boot an Land, leicht schräg auf der Seite. Der Bug bohrte sich ins Wasser, kleine Wellen leckten schmatzend an den geteerten Brettern. Austernfischer jagten einander über die Wasseroberfläche, schwarzweisse Wuschel mit knallroten Streifen, benommen und ausgelassen von der Sonne und der plötzlichen Hitze. Alle sprachen über die Hitze, darüber, dass die warmen Sommer mit dem Frieden gekommen seien. Zwei Jahre Frieden im Land, und plötzlich war es wieder warm. Die Felder strotzten vor Korn und Saatkartoffeln, Beerensträucher und Bäume waren übersät von neuen Knospen, sogar die deutschen Bäume wuchsen wie besessen. In dem Frühling, in dem die Deutschen gekommen waren und mit dem Land gemacht hatten, was sie wollten, war es so kalt gewesen, dass bis weit in den Mai hinein in den Fjordarmen Eis gelegen hatte.
Noch immer freute sie sich über den Frieden und fragte sich, wie viel Zeit vergehen müsste, bis sie ihn so selbstverständlich nehmen würde, wie man das doch eigentlich sollte. Aber vielleicht kam die Freude auch noch von woandersher, von ihm. Sie hatte ihn im Friedenssommer kennengelernt. Wenngleich, kennengelernt … Sie hatte doch immer gewusst, wer er war, bei mehreren Gelegenheiten hatte sie sogar ganz normal mit ihm gesprochen, er kam ja auf alle Höfe, wie die meisten Menschen aus der Nachbarschaft. Aber plötzlich, an diesem Sommerabend auf Snarli, als sie draussen auf der Hofwiese sassen, nachdem sie den ganzen Tag mit Torfstechen beschäftigt gewesen waren, als sie schweissnass und benommen von Hitze und Anstrengung dasassen, kam er von Neshov aus über die Felder geschlendert, und sie sah sofort, dass er zu ihr wollte. Ihr Körper verstand, jede Faser ihres Leibes wurde von ihm gesehen, ihr Hals, die schweissnassen Locken, die an ihrer Stirn klebten, die Hände, die sie hinter sich ins Gras stützte, die Waden, von denen sie wusste, dass sie braun und blank aus ihren Schuhen ragten, ihm entgegen. Irgendwer holte einen Becher Bier, das Bier brachte sie zum Lachen, auch er lachte, versuchte, vor allem die anderen anzulachen, aber sein Blick landete doch immer wieder bei ihr und machte sie schön, und als sie spürte, wie ihr Rocksaum ein wenig über ihre Knie glitt, dahin, wo die Oberschenkel sich nach innen wölbten, liess sie ihn ein wenig weiter gleiten, und noch ein wenig weiter, und spreizte leicht die Knie, und sie lachte noch mehr und spürte den Schmerz, der ihr das Kreuz hochwanderte, so dass sie fast aufgejammert hätte.
Sie ging heimwärts, und er stand im Laubwald und wartete, sie durfte ihre Handflächen auf seine Haut legen und seinem Blick begegnen, und sie wusste, dass von jetzt an alles neu sein würde. Nicht nur der Frieden und dass sie im Laufe der Kriegsjahre erwachsen geworden war, sondern die ganze Welt, hier standen sie und erschufen die Welt, sie beide zusammen, Bäume und Boden wurden neu, der Fjord dort unten, der Sommerhimmel mit den jagenden Schwalben, als er den Kopf senkte und fest damit rechnete, dass sie seinen Lippen begegnen würde.
An das Ungeheuerliche daran verschwendete sie nicht einen einzigen Gedanken.
Da kam er! Allein, Gott im Himmel sei Dank.
Sie schluchzte auf und spürte, wie das Zittern einsetzte, ihre Beine überzogen sich in der stehenden Hitze mit Gänsehaut, ihr Mund trocknete aus. Er schwenkte die Arme, seine Stirn leuchtete blank und braun, während er seine Holzschuhe anstarrte und seine Schritte auf dem steinigen, unebenen Weg plante. Unter der groben Arbeitskleidung gehörte er ihr, hinter den Gerüchen harter Arbeit lagen ihre Gerüche, sie wollte seine Augen lecken, bis nur noch für sie Platz dort wäre, obwohl sie doch wusste, dass es ohnehin schon so war. Sie gehörte jetzt nach Neshov, würde dort sein, er hatte dafür gesorgt, dass sie immer dort sein konnte. Und ab und zu würden sie sich davonschleichen, hierher oder in die Scheune oder in den Wald, weg von den dünnen Schlafzimmerwänden, die nur aus Ohren zu bestehen schienen.
Seine Holzschuhe knirschten auf dem sonnengetrockneten Tang. Vor dem Bootshaus blieb er stehen.
»Anna?«, fragte er leise in den dunklen Türspalt.
»Hier bin ich«, flüsterte sie und versetzte der Tür einen kleinen Stoss.


Erster Teil


Als an einem Sonntagabend um halb elf das Telefon schellte, wusste er natürlich, was los war. Er griff nach der Fernbedienung und drehte den Fernseher leiser, über den Bildschirm flimmerte eine Reportage über Al-Quaida.
»Hallo, hier spricht Margido Neshov.«
Und er dachte: Ich hoffe, da ist ein alter Mensch in seinem Bett gestorben, ich hoffe, es ist kein Verkehrsunfall.
Es war jedoch keins von beiden, sondern ein Junge, der sich erhängt hatte. Der Vater rief an, Lars Kotum, Margido wusste genau, wo in Byneset der grosse Kotumhof lag.
Im Hintergrund hörte er laute Schreie, tierisch, schrill. Schreie, mit denen er in gewisser Weise vertraut war, die Schreie einer Mutter. Er fragte, ob der Vater bereits Polizei und Ärztin verständigt habe. Nein, der Vater hatte sofort Margido angerufen, er wusste, wer Margido war und welchen Beruf er ausübte.
»Du musst auch Polizei und Ärztin anrufen, oder soll ich das tun?«
»Er hat sich nicht … auf normale Weise erhängt. Er hat sich eher … erwürgt. Es ist einfach entsetzlich. Ruf du an. Und komm. Bitte, komm.«
Er nahm nicht den schwarzen Leichenwagen, sondern den Citroën. Sollte doch die Polizei einen Krankenwagen kommen lassen. Er rief von unterwegs an, während die Autoheizung wütend gegen die Windschutzscheibe blies, er musste rufen, um das Rauschen zu übertönen, es waren viele Grade unter null an diesem dritten Adventssonntag. Er erreichte Polizei und Ärztin, die Sonntagabende waren immer ruhig. An diesem kalten, stillen Abend würde es auf einem Hof bald schwarz vor Autos sein, die Leute von den Nachbarhöfen würden sich zu den Fenstern vorbeugen und sich wundern. Sie würden den Krankenwagen sehen, die Wagen von Polizei und Ärztin und einen weissen Citroën CX, einen Kombi, den einige von ihnen vielleicht erkennen würden. Sie würden Licht hinter den Fenstern sehen, wenn es sonst schon längst dunkel dort war, aber sie würden es nicht wagen, so spät noch anzurufen, sie würden bis tief in die Nacht hinein wach liegen und leise in der Dunkelheit über alles reden, was auf dem Nachbarhof passiert sein könnte und wem, und insgeheim würden sie eine beschämte Freude verspüren, dass nicht sie betroffen waren.
Der Vater empfing ihn in der Tür. Polizei und Ärztin waren schon da, sie hatten einen kürzeren Weg. Sie sassen in der Küche, vor ihren Kaffeetassen, und die Mutter stand da, mit glotzendem, kohlschwarzem Blick und trockenen Augen. Margido stellte sich ihr vor, obwohl er wusste, dass sie ihn erkannt hatte. Sie hatten sich jedoch noch nie die Hand gereicht.
»Dass du herkommen musst. Du. Seinetwegen«, sagte sie.
Ihr Tonfall war monoton, ihre Stimme klang ein wenig heiser.
Ein Adventsgesteck mit elektrischen Kerzen stand vor dem Fenster, das auf den Hofplatz hinausblickte. Der Dorfpolizist erhob sich und lief vor Margido her zum Schlafzimmer. Die Ärztin ging vor die Tür, als ihr Telefon schellte. Ein gelber Papierstern, in dem eine Glühbirne sass, hing vor einem kleinen Fenster auf dem Flur, das elektrische Licht durchdrang die Löcher im Papier, das in der Mitte hellgelb war und sich zu den Zackenspitzen hin orange färbte. Der Vater blieb in
der Küche. Er starrte aus dem Fenster und schien sich nicht um die Mutter des Jungen kümmern zu wollen, die einfach nur dasass, plötzlich gleichgültig, die Hände in den Schoss gelegt, die Füsse auf den Boden gestellt, die Tassen vor sich auf dem Tisch, das Ticken der Uhr, die Rechnungen im Regal, die Kühe im Stall, der Mann am Fenster, das Wetter und die Minusgrade, die Weihnachtsbäckerei, die Tage, die kommen würden, ganz von selbst. Sie sass da und war nur überrascht, dass sie weiteratmete, dass ihre Lunge sich von selbst bewegte. Sie wusste noch nicht, was Trauer ist, sie sass nur da und war ehrlich überrascht, dass die Uhr immer noch tickte.
Margido registrierte das alles. Woher sollte er wissen, wie es ist, einen Sohn zu verlieren, er wusste ja nicht einmal, wie es ist, einen zu bekommen. Ausserdem konnte er sich keine Gefühle erlauben, seine Aufgabe bestand darin zu erfassen, wie die Gefühle der Hinterbliebenen zum Ausdruck kamen, damit er sie dazu bringen konnte, sich um die praktischen Dinge zu kümmern. Das Mitgefühl und die Trauer, die sich hinter seiner Professionalität verbargen, versuchte er immer dadurch zu zeigen, dass er genau tat, was die Hinterbliebenen von ihm wünschten und erwarteten.
Er war nicht auf den Anblick vorbereitet, obwohl der Vater ja gesagt hatte, der Junge habe sich nicht auf normale Weise erhängt. Der Vater hatte sicher an ein an der Decke befestigtes Seil gedacht, an einen umgekippten Stuhl auf dem Boden, an eine Leiche, die sich langsam um ihre eigene Achse drehte oder ganz ruhig dahing. Das klassische Szenario, das alle im Film gesehen hatten, in allen Details, abgesehen von den Exkrementen, die am Hosenbein entlangliefen und auf dem Boden eine Lache bildeten. So war es nicht, der Junge hing nicht hoch und frei da. Er lag vornübergebeugt auf Knien im Bett, fast nackt, bekleidet nur mit weinroten Boxershorts. Das Seil war um den Bettpfosten gewickelt und zog sich schräg von seinem Nacken hin aufwärts. Sein Gesicht war blassblau, seine Augen aufgerissen, die Zunge hing trocken und geschwollen zwischen seinen Lippen. Der Dorfpolizist hatte die Tür hinter ihnen geschlossen und sagte jetzt: »Er hätte sich die Sache jederzeit anders überlegen können.«
Margido nickte, ohne den Blick von der Leiche abzuwenden.
»Wie lange bist du schon in der Branche?«, fragte der Dorfpolizist.
»Fast dreissig Jahre.«
»Hast du so etwas schon einmal gesehen?«
»Ja.«
»Hast du Schlimmeres gesehen?«
»Vielleicht einmal ein Mädchen an einer Tür. Es war nicht weit genug zum Boden, sie hatte die Knie an den Brustkasten gezogen.«
»Oh verdammt. Dann wollen sie es wirklich.«
»Das tun sie. Sehen keine andere Lösung. Sind wohl zu jung, um eine andere Lösung zu sehen, die Armen.«
Er hatte gelogen, er hatte diese Variante von Selbstmord noch nie gesehen, aber er musste blasierte Ruhe vortäuschen, dann arbeitete er am besten, hatte seine Ruhe und wurde als Fachmann wahrgenommen, und nur als das. Ja, oft wurde von ihm eine grössere professionelle Distanz erwartet als zum Beispiel von Polizisten. Man ging wohl davon aus, dass er nicht vom Tod berührt wurde, da er jeden Tag damit zu tun hatte. Er hatte schon mehrere Male zusammen mit Krankenwagenbesatzung und Polizei Körperteile vom Asphalt aufgelesen, und den anderen war krisenpsychiatrische Betreuung angeboten worden, ihm aber nicht.
Er musterte den Jungen. Auch wenn der Anblick ihn schockte, war er doch auf makabere Weise davon beeindruckt, dass ein Junge sich einfach im Bett vorbeugt und sein Gewicht auf Knie und Oberschenkel legt, das Seil auf Adern und Nervenzentren drücken lässt und auf die Finsternis wartet. Und wenn die Finsternis dann einsetzt, zuerst in Form von roten Flecken vor den Augen, dann stemmt er nicht die Hände auf die Matratze, um sich wieder aufzurichten. Er tut es nicht. Er schafft es, das nicht zu tun. Er hat sich entschieden.
»Ich habe von einer Art Sexspiel gelesen«, flüsterte der Polizist und trat von einem Bein auf das andere.
Margido warf ihm einen kurzen Blick zu, dann sah er wieder die Leiche an.
»Ich verstehe nicht, was du meinst«, sagte er.
»Es geht darum, fast erwürgt zu werden, ehe du …«
»Er trägt doch eine Unterhose.«
»Ja. Du hast recht. Ist mir nur so eingefallen. Der ganze Fall ist klar. Absolut kein Verdacht auf … irgendetwas Kriminelles. Er hat auch einen Brief hinterlassen. Nur eine Zeile, eine Entschuldigung. Die Eltern waren auf der Nachfeier eines frischverheirateten Paars. Der Junge wusste, dass er mehrere Stunden Zeit haben würde. Er hätte eigentlich mitkommen sollen. Er ist der Jüngste. Sie haben zwei Mädchen, die eine studiert in Trondheim irgendeinen unnützen Hokuspokus, die andere geht zum Glück auf die Landwirtschaftsschule. Aber der hier … Yngve, hat noch zu Hause gewohnt, wusste nicht so recht, was er wollte. Ich hab ihn oft mit dem Fernglas über der Schulter nach Gaulosen fahren sehen, er wollte Vögel beobachten, hier machen doch verdammt viele Vogelarten Zwischenlandung, weisst du. Aber für den Vater muss es ein Problem gewesen sein, einen Vogelgucker zum Sohn zu haben, wo auf einem Hof doch immer so viel zu tun ist, auch wenn ja nicht Yngve der Anerbe war. Aber sich aufzuhängen, auf Knien! Das tut doch verdammt noch mal kein normaler Mensch …«
Margido holte aus dem Auto den Behälter für Sondermüll. Der Krankenwagen war noch nicht gekommen. Die Ärztin sass mit den Eltern in der Küche. Er hörte die Stimmen, als er auf dem Rückweg an der offenen Tür vorbeikam. Sätze mit wenigen Wörtern, gefolgt von langen Pausen. Die Ärztin kam hinter ihm her ins Schlafzimmer, zog die Tür zu.
»Wir dürfen ihn losschneiden«, sagte der Polizist. Die Ärztin hatte eine Schere geliehen, so eine mit Handgriffen aus orangem Kunststoff, und reichte sie dem Polizisten. Er schnitt. Der Kopf fiel auf die Bettdecke. Margido band das Seilende vom Bettpfosten.
»Der Krankenwagen kann jeden Moment hier sein«, sagte der Polizist. »Du erledigst den Rest? Morgen im Krankenhaus?«
»Natürlich«, sagte Margido.
»Ja, für diesen Patienten kann ich jedenfalls nichts mehr tun«, sagte die Ärztin.
Margido stutzte, weil von der Ärztin überhaupt kein mitfühlender Kommentar kam. Sie war zwar Ärztin, aber doch auch eine Frau. Sie redete, als ob sie jeden Tag Knaben fand, die im eigenen Bett auf Knien gestorben waren. Er war erleichtert, als sie in die Küche zurückging.
Dann hörte er den Krankenwagen vorfahren, er trat auf den Flur, fing den Blick des Fahrers auf, der jetzt das Haus betrat, und nickte. Margido wollte die Leiche auf die Bahre legen, ehe die Eltern dazukamen. Es wäre besser so. Dann sah es eher aus wie ein Unfall, etwas, für das die Eltern nicht zur Verantwortung gezogen werden könnten.
»Ich hätte ihn gern fertig gemacht. Übel, ihn so losschicken zu müssen, mit dem Seil um den Hals«, sagte Margido leise.
»So ist es eben bei Selbstmord«, sagte der Polizist. »Sogar, wenn alles klar ist.«
Das Krankenwagenpersonal brachte die Bahre und bedeckte sie mit schwarzer Plastikfolie. Es waren zwei junge Männer. Nur wenige Jahre älter als der kniende Junge im Bett. Sie zogen Plastikhandschuhe an und fassten den Jungen unter den Armen und um die Knöchel, zählten gemeinsam bis drei und hoben ihn mit raschem Griff auf die Folie, die sie dann um ihn herumwickelten. Die nackte Matratze bot keinen schönen Anblick.
»Ich habe den Behälter schon geholt«, sagte Margido. »Kann ich wenigstens das Laken wegnehmen? Damit die Eltern das nicht sehen müssen?«
»Ja, tu das«, sagte der Polizist.
Er konnte auch noch die Bettdecke zusammenfalten und damit den grossen feuchten Fleck auf der Matratze verstecken, ehe die Mutter kam. Die Matratze würde ohnehin weggeworfen werden, das wurde sie immer, aber je mehr die Angehörigen sahen, umso mehr Gefühle wurden aufgewühlt und forderten Margido. Oft waren es Einzelheiten, die eine Tragödie für Hinterbliebene zur Wirklichkeit werden liessen und sie in die Realität schleuderten, in die Hysterie, es konnte alles sein, eine halbleere Tasse Tee auf einem Nachttisch, ein schmutziger Teddy auf dem Boden, eine Thermosflasche und eine Butterbrotdose, die ihnen nach einem Unfall an einem Arbeitsplatz ausgehändigt wurden.
»Was habt ihr mit ihm gemacht!«, schrie die Mutter. »Ihn in Plastik gewickelt! Aber er kann doch nicht … er kriegt doch keine Luft. Ich will ihn sehen!«
»Das geht nicht«, sagte der Polizist. »Aber morgen, wenn
Margido …« »Nein! Ich will ihn jetzt sehen!« »Ich muss ihn zuerst fertig machen«, sagte Margido. Die Mutter warf sich über die Bahre und riss an der schwarzen Folie. Jetzt hätte ihr Mann kommen müssen. Aber das tat er nicht. Es war der Fahrer des Krankenwagens, der ihre Schultern packte und sie festhielt.
»Ganz ruhig jetzt, dann können wir …«
»ER BEKOMMT KEINE LUFT! YNGVE! Mein Junge …«
Endlich war der Mann da. Er übernahm die schluchzende Frau und starrte selbst unverwandt auf die schwarzglänzende Fracht, die seinen einzigen Sohn enthielt. Alle Energie im Raum schien zu diesem Punkt zu streben, angesogen von der
ungeheuerlichen Tatsache, dass der ehemalige Bewohner dieses Jungenzimmers hier verpackt lag, grösser und dominierender als je zu seinen Lebzeiten.
»Aber warum …«, fragte er. »Ich dachte, wir dürften ihn vorher noch einmal sehen. Ich wusste nicht, dass … ich dachte, Margido würde …«
»Er muss obduziert werden«, sagte der Polizist und starrte zu Boden. »Das ist das übliche Vorgehen bei Selbstmord.«
»Aber warum denn bloss? Es steht doch fest, dass er es selbst getan hat.«
Der Vater war heiser und angespannt vom Versuch, sich zusammenzureissen, die Mutter des Jungen hing hilflos in seinen Armen und weinte lautlos mit geschlossenen Augen.
»Das glaube ich ja auch«, sagte der Polizist, räusperte sich und verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuss.
»Kann ich das nicht verweigern? Verbieten, dass irgendwer unseren Jungen aufschneidet?«
Anne B. Ragde wurde 1957 im westnorwegischen Hardanger geboren. Sie ist eine der beliebtesten und erfolgreichsten Autorinnen Norwegens und zählt auch im Krimi- und Jugendbuchbereich zu den grossen Schriftstellerinnen des Landes. Die Autorin wurde mehrfach
Gabriele Haefs:
Dr. Gabriele Haefs studierte in Bonn und Hamburg Sprachwissenschaft. Seit 25 Jahren übersetzt sie u.a. aus dem Dänischen, Englischen, Niederländischen und Walisischen. Sie wurde dafür u.a. mit dem Gustav- Heinemann-Friedenspreis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, 2008 mit dem Sonderpreis für ihr übersetzerisches Gesamtwerk. 2011 wurde Gabriele Haefs als Königlich Norwegische Ritterin des St.Olavs Ordens in der Norwegischen Botschaft in Berlin ausgezeichnet u.a. für ihre Übersetzungen, für die Vermittlung von norwegischen Büchern nach Deutschland sowie für das Knüpfen von Kontakten im Kulturbereich ganz allgemein.
Anne B. Ragde:
Anne B. Ragde, geboren 1957 im westnorwegischen Hardanger, wohnt noch heute in dieser Stadt. Die erfolgreiche und beliebte Kinder- und Jugendbuchautorin legte 1992 in ihrer Heimat einen ersten Band mit Kriminalerzählungen vor, der von der norwegischen Kritik enthusiastisch gefeiert wurde.
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„Norwegische Familiengeschichte”

08.05.2011

Rezension von J.G. aus Berlin

In ihrem ersten Buch „Das Lügenhaus“ der Neshov-Trilogie gibt Anne B. Ragde den ersten Einblick in die Familie Neshov.
Im ersten Drittel des Buches beschreibt Anne B. Ragde das Leben der einzelnen Neshov-Brüder, das unterschiedlicher nicht sein könnte. Margido ist Bestatter von Beruf, alleinstehend und wird regelmäßig von einer Witwe umworben. Sein Bruder Tor lebt mit der Mutter und dem Vater auf dem Hof, wo er mehr oder weniger erfolgreich Schweine züchtet. Der Jüngste im Bunde ist Erlend, der mit seinem Lebenspartner in Kopenhagen ansässig ist, dort den Beruf des Dekorateurs ausübt und fanatischer Swarovski-Liebhaber ist.
Erst als die Mutter im Sterben liegt, treffen die drei Brüder nach langer Zeit wieder aufeinander. Zusätzlich trifft auch die bisher verschwiegene Tochter von Tor, namens Torunn, zu dem Gespann. Nach dem Tod der Mutter finden sich alle im Haus der Eltern ein und versuchen Tor soweit es geht zu unterstützen.
Der Leser erfährt nach und nach die Geheimnisse und Gründe der Zerwürfnisse innerhalb der Familie bis zum Schluss das größte Geheimnis vom bisher schweigsamen Vater offenbart wird.

Durch zwei Drittel des Buches habe ich mich mehr oder weniger gequält. Die Vorstellung der Brüder und die Beschreibung deren Berufe empfand ich schrecklich langatmig, teilweise zu ausführlich und uninteressant. Ich konnte den Hype um dieses Buch einfach nicht verstehen. Zumal der Klappentext verspricht, dass der Vater „reinen Tisch machen will“. Und darauf muss der Leser sehr lange warten.
Erst das letzte Drittel des Buches konnte mich mehr fesseln. Die Geschichte begann an Fahrt zu gewinnen als die Familienmitglieder aufeinander trafen und nach und nach jedes Geheimnis ans Licht kommt.

Die Charaktere sind sehr schräg, aber absolut einzigartig und auf ihre Weise liebenswürdig. Anne B. Ragde gelingt es ganz gut die düstere und traurige Atmosphäre zu übermitteln.

Ich bin nicht so sicher, aber manchmal erscheint mir die Übersetzung nicht so gelungen. Es kommen Begriffe vor, die ich gar nicht kenne, bspw. pusseln…

Auch wenn mich der erste Teil der Trilogie nicht vollkommen überzeugt hat, denke ich, dass ich mich trotzdem an den zweiten Teil wagen werde.

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„Keine Familienidylle”

16.03.2011

Rezension von Fugu

Die Familiengeschichte der 3 Brüder ist vielschichtig und interessant. Sie teilen eine schwierige Familiengeschichte und treffen während des Sterbeprozesses der Mutter nach Jahren wieder aufeinander. Dies wühlt so manches auf und bringt so manches ans Licht.
Allgemein ist die Geschichte sehr gut geschrieben und erzählt, ist aber manchmal etwas trocken und langatmig. Manches wird nur gestreift, als hätte die Autorin Angst vor dem Thema. Aber vielleicht braucht man auch nicht immer alles zu vertiefen. Das mag die Nordische Schreibfeder sein.

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„Die Einstiegsdroge”

05.08.2010

von einer Kundin oder einem Kunden aus Weingarten

Wer mit den Büchern von Anne Radge anfängt, muß sie einfach alle lesen. Hier haben Sie die "Einstiegsdroge" in der Hand. Absolut empfehlenswert! Sehr schön anschaulich beschrieben. Man kann sich richtig in die Geschichte reindenken. Ein tolle Familiengeschichte - nicht nur für die Urlaubslektüre.

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„Mitreißend!”

14.01.2010

von einer Kundin oder einem Kunden

Diese wunderbaren Familiensaga dreht sich um die Familie Neshov. Der verschrobene Tor, der älteste Sohn der Familie, der als Schweinezüchter den Hof übernehmen soll und mit Mutter und Vater auf dem Hof lebt.,Der prüde Margidio, der als Bestattungsunternehmer im Ort tätig ist, aber seit Jahren keinen Kontakt zu seinen Eltern hat. Der ausgeflippte Erlend, der vor 20 Jahren nach Kopenhagen geflüchtet ist und Tors Tochter Torunn , die mehr zufällig in dieses Familienchaos stürzt. Als die Mutter der drei Brüder im Sterben liegt, treffen alle Teile der Familie plötzlich aufeinander. Was dann passiert, lesen sie am besten selbst. Fest steht, dass das Lügenhaus mit jeder Seite mehr begeistert und man es gar nicht mehr aus der Hand legen kann! Und das schönste daran ist, dass die Geschichte in „Einsiedlerkrebse“ und „Hitzewelle“ noch weitergeht!

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„absolut nicht langweilig”

11.02.2009

von einer Kundin oder einem Kunden aus Niederfischbach

Mir hat das Buch sehr gut gefallen und die die Vorstellung der 3 Brüder und der Enkeltochter zu Beginn waren für mich zum Kennenlernen der einzelnen Charaktere spannend und alles andere als klischeehaft. Wenn man das Original kennt ist natürlich die Übersetzung nicht so überragend, wie leider oft, aber es ist auf jeden Fall ein sehr lesenswertes Buch

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„Langweilig”

20.01.2008

von einer Kundin oder einem Kunden aus Münster

Schwaches Buch dieser hochgelobten norwegischen Autorin.

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„Nett, leider zu viele Klischees und teils langatmig”

26.08.2007

Rezension von Whitefish aus Leipzig

Mir war anfangs nicht ganz klar, welches Genre ich vorfinde. Dem Cover und dem Titel nach hätte ich erwartet, etwas Tragisches bis zum Krimiähnlichen vorzufinden. Vom Klappentext her dachte ich, eine Geschichte ähnlich wie "Emmas Glück" von Claudia Schreiber zu lesen zu bekommen. Alles ganz anders.
Die eigentliche Geschichte finde ich nicht schlecht - ich hätte mir allerdings mehr im Stil des Endes, wo das Familiengeheimnis gelüftet und sehr schön ein norwegischens Weihnachten geschildert wird, mehr gewünscht. Der Beginn des Buches, wo jedes Familienmitglied vorgestellt wird, ist doch etwas nervig langgezogen, zudem fand ich die Charaktere doch sehr klischeehaft dargestellt, vor allem den des Bauern. Gestolpert bin ich als Norwegen-Fan stellenweise über sehr hölzerne Übersetzungen, schade.
Insgesamt nett, aber leider nicht mehr.

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